Trinke ich zuviel? Warum der Standard-Test für Frauen nicht reicht
"Frau Esser, was meinen Sie? ..."
„Frau Esser, was meinen Sie? Trinke ich zu viel? Habe ich schon ein Problem?“, fragt mich die Frau Mitte dreissig, die mir im Sprechzimmer gegenübersitzt.¹ Sie ist zum ersten Mal in meiner Praxis. Lange hat sie mit sich gerungen, ob sie überhaupt einen Termin vereinbaren soll. Im Wartezimmer fühlte sie sich fehl am Platz. Sie ist doch nicht wie die anderen „Süchtigen“. Gehört sie überhaupt in eine „Drogenberatung“?
Im Leben läuft doch alles so weit ganz gut: ein Job, eine Familie, nach aussen scheint alles in Ordnung. Und doch ist da tief in ihrem Inneren diese Unsicherheit.
Vor zwei Jahren hat sie nur selten Alkohol getrunken. Aber bei der Arbeit ist es immer so stressig, und die Kinder sind im Moment auch nicht einfach. Das Glas Wein am Abend mit ihrem Partner fühlte sich so gut an. Anfangs nur ab und zu. Doch aus Ausnahmen wurde Regelmässigkeit. Jetzt trinkt sie täglich, mit dem Partner oder allein. Ein Glas, das sie selbst füllt und nachfüllt. Ohne fällt es ihr schwer, am Abend abzuschalten. Es ist lange her, dass sie einen Abend ohne Alkohol verbracht hat. Sie nimmt es sich immer wieder vor, aber dann ergibt es sich doch anders. Der Alkohol hat einen festen Platz in ihrem Abendritual bekommen. Am Wochenende trinkt sie gerne auch schon zum Mittagessen. Aber ist das denn schon problematisch?
Was heisst überhaupt „zu viel“?
Eine berechtigte Frage, auf die es leider keine einfache Antwort mehr gibt. Lange Zeit konnten wir uns an Orientierungswerten für den sogenannten risikoarmen Konsum festhalten. Für gesunde Frauen galt: nicht mehr als ein Standardglas pro Tag und mehrere alkoholfreie Tage pro Woche.
Was ist ein Standardglas?
Ein Standardglas enthält 10 bis 12 Gramm reinen Alkohol. Das entspricht ungefähr 1 dl Wein, 3 dl Bier oder 2 cl Schnaps. Das Weinglas im Restaurant oder zu Hause ist oft deutlich grösser.
Heute wissen wir: Es gibt keine Menge Alkohol, die völlig unbedenklich ist. Alkohol ist krebserregend, die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft ihn in der höchsten Gruppe ein, zusammen mit Tabak. Die WHO Europa hat deshalb 2023 klargestellt, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt. Die alten Orientierungswerte sind damit keine Grenze, unterhalb derer man sicher ist, sondern eher eine Obergrenze, die man nicht überschreiten sollte. Mehr dazu in meinem Beitrag zu den Grenzwerten.
Für Frauen ist die Beurteilung noch einmal schwieriger. Wir bauen Alkohol langsamer ab als Männer, haben weniger Körperwasser, in dem er sich verteilt, und sind bei gleicher Trinkmenge der schädlichen Wirkung stärker ausgesetzt. Folgeschäden treten bei Frauen oft früher auf als bei Männern. Warum das so ist, erkläre ich in Alkohol, der Sexist.
Der AUDIT: der Alkohol-Test der WHO
In der Praxis hat sich ein Test durchgesetzt, der von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt wurde: der AUDIT (Alcohol Use Disorders Identification Test). Er besteht aus zehn Fragen, die Auskunft über drei Bereiche geben: die Trinkmenge, Anzeichen einer Abhängigkeit und die Folgen des Trinkens. Jede Antwort ergibt einen Punktwert.
Probier es aus. Beantworte die Fragen ehrlich und bezogen auf die letzten zwölf Monate. Die Punkte stehen in Klammern.
1. Wie oft trinkst du Alkohol?
Nie (0) · Einmal im Monat oder seltener (1) · 2- bis 4-mal im Monat (2) · 2- bis 3-mal pro Woche (3) · 4-mal pro Woche oder öfter (4)
2. Wie viele Standardgläser trinkst du an einem typischen Tag, an dem du Alkohol trinkst?
1–2 (0) · 3–4 (1) · 5–6 (2) · 7–9 (3) · 10 oder mehr (4)
3. Wie oft trinkst du 6 oder mehr Standardgläser bei einer Gelegenheit?
Nie (0) · Seltener als einmal im Monat (1) · Einmal im Monat (2) · Einmal pro Woche (3) · Täglich oder fast täglich (4)
4. Wie oft konntest du im letzten Jahr nicht mehr aufhören zu trinken, nachdem du einmal angefangen hattest?
Nie (0) · Seltener als einmal im Monat (1) · Einmal im Monat (2) · Einmal pro Woche (3) · Täglich oder fast täglich (4)
5. Wie oft konntest du im letzten Jahr wegen des Trinkens nicht das tun, was von dir erwartet wurde?
Nie (0) · Seltener als einmal im Monat (1) · Einmal im Monat (2) · Einmal pro Woche (3) · Täglich oder fast täglich (4)
6. Wie oft brauchtest du im letzten Jahr morgens ein alkoholisches Getränk, um nach einem Abend mit viel Alkohol in die Gänge zu kommen?
Nie (0) · Seltener als einmal im Monat (1) · Einmal im Monat (2) · Einmal pro Woche (3) · Täglich oder fast täglich (4)
7. Wie oft hattest du im letzten Jahr nach dem Trinken Schuldgefühle oder Gewissensbisse?
Nie (0) · Seltener als einmal im Monat (1) · Einmal im Monat (2) · Einmal pro Woche (3) · Täglich oder fast täglich (4)
8. Wie oft konntest du dich im letzten Jahr nicht mehr an den vorigen Abend erinnern, weil du getrunken hattest?
Nie (0) · Seltener als einmal im Monat (1) · Einmal im Monat (2) · Einmal pro Woche (3) · Täglich oder fast täglich (4)
9. Hast du dich selbst oder jemand anderen verletzt, weil du getrunken hattest?
Nein (0) · Ja, aber nicht im letzten Jahr (2) · Ja, im letzten Jahr (4)
10. Hat sich schon einmal jemand aus deinem Umfeld, eine Ärztin oder eine andere Fachperson Sorgen über dein Trinken gemacht oder dir geraten, weniger zu trinken?
Nein (0) · Ja, aber nicht im letzten Jahr (2) · Ja, im letzten Jahr (4)
Zähle nun alle Punkte zusammen. Die ersten drei Fragen bilden übrigens eine eigene Kurzversion, den AUDIT-C, der oft als Schnelltest verwendet wird.
Warum die Grenzwerte für Frauen zu hoch sind
Ursprünglich gilt beim AUDIT ab 8 Punkten ein riskanter Alkoholkonsum als wahrscheinlich, für Männer und Frauen gleichermassen. Für Frauen ist das zu grosszügig. Der Test wurde überwiegend an Männern entwickelt, und das merkt man. Schon Frage 3 fragt nach sechs oder mehr Gläsern bei einer Gelegenheit, dabei gelten für Frauen in vielen Ländern bereits vier Gläser als Rauschtrinken.
Studien schlagen deshalb für Frauen tiefere Grenzwerte vor. Beim vollständigen AUDIT sollte eine Frau ab 5 Punkten hellhörig werden, beim AUDIT-C schon ab 3 statt ab 4 Punkten. [Bradley et al. 2003; Reinert & Allen 2007]
Okay, super: ein Test, und ich kann der Frau in meiner Sprechstunde eine Antwort geben? Ganz so einfach ist es leider nicht. Auch ein niedriger AUDIT-Wert schliesst ein problematisches Trinkverhalten keineswegs aus. Meine Patientin läge möglicherweise sogar unter dem Grenzwert, obwohl ihr Konsum bereits mehrere deutliche Warnsignale zeigt: der tägliche Konsum, das Trinken zum Abschalten, die Vorsätze, die nicht halten.
Was kein Test misst: Fragen zur Selbstreflexion
Ein Test kann hilfreich sein. Ich empfehle aber, unabhängig vom Ergebnis wachsam zu werden, sobald sich die ersten Unsicherheiten bezüglich des eigenen Trinkverhaltens bemerkbar machen. Das hat meistens einen Grund. Kaum jemand macht einen Alkoholtest, ohne sich zu fragen, ob es ein Problem geben könnte. Und genau diese Frage sollte man ernst nehmen.
Neben dem AUDIT stelle ich deshalb immer auch diese Fragen:
Der Auslöser
- Warum denke ich, dass ich zu viel trinke? Was hat die Frage ausgelöst: eine Bemerkung, ein Morgen, ein Gefühl?
- Hat mich schon jemand auf mein Trinken angesprochen, und wie habe ich reagiert?
Mein Befinden
- Wie geht es mir psychisch? Wie ist meine Stimmung? Bin ich gestresst? Plagen mich Ängste oder Erschöpfung?
- Trinke ich, damit es mir besser geht? Benutze ich Alkohol, um Gefühle zu regulieren, gegen Stress, Einsamkeit, Langeweile oder als Belohnung?
- Wie fühle ich mich am nächsten Tag? Spüre ich Scham, Unruhe oder Angst?
Meine Trinkmuster
- Trinke ich regelmässig? Ist das Glas zum festen Ritual geworden? Gibt es noch Tage ohne Alkohol?
- Trinke ich allein? Und wenn ja: offen oder heimlich?
- Trinke ich mehr, als ich mir vorgenommen habe?
- Fällt es mir schwer, zwei Wochen ganz auf Alkohol zu verzichten?
- Plane ich meine Aktivitäten oder Einkäufe um den Alkohol herum?
- Spiele ich die Menge herunter, wenn mich jemand darauf anspricht?
Wenn du bei mehreren dieser Fragen innerlich nickst, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Diese Fragen sind kein wissenschaftlicher Test und ergeben keine Punkte. Sie sind eine Einladung, ehrlich mit dir selbst zu sein. Warum Alkohol so gut darin ist, Gefühle zu dämpfen, und warum das eine Falle sein kann, beschreibe ich in Entspannung aus dem Glas und in Erlernter Konsum.
Und jetzt? Das Ergebnis einordnen
Ganz vorneweg: Die eine magische Grenze, die problematisches von unproblematischem Trinkverhalten trennt, gibt es leider nicht. Neben der Trinkmenge spielen viele andere Faktoren eine Rolle:
- Bin ich körperlich gesund, oder habe ich eine Erkrankung, die durch Alkohol verschlimmert werden kann, etwa Bluthochdruck, eine Lebererkrankung oder Diabetes?
- Nehme ich Medikamente, die sich mit Alkohol nicht vertragen, zum Beispiel Schlaf- oder Beruhigungsmittel, Antidepressiva oder Schmerzmittel?
- Habe ich eine psychische Vorerkrankung wie eine Depression oder eine Angststörung?
- Gibt es Suchterkrankungen in meiner Familie?
- Bin ich schwanger oder möchte ich schwanger werden? Dann gilt: kein Alkohol. Mehr dazu in Alkohol in der Schwangerschaft.
- In welchen Situationen trinke ich, und bin ich in der Lage, meine soziale oder berufliche Verantwortung trotz Alkohol wahrzunehmen?
Trinkverhalten bewegt sich auf einer Skala: vom risikoarmen Konsum über eine Grauzone, in der sich Gewohnheiten langsam verfestigen, bis hin zu einer Abhängigkeit. Von einer Abhängigkeit sprechen Ärztinnen, wenn über längere Zeit mehrere Anzeichen zusammenkommen: Man verliert die Kontrolle über das Trinken, der Alkohol wird wichtiger als andere Dinge im Leben, und der Körper reagiert mit Gewöhnung oder Entzugssymptomen. Die meisten Frauen, die sich die Frage „Trinke ich zu viel?“ stellen, befinden sich irgendwo dazwischen. Und genau dort lässt sich am meisten bewegen.
Was du jetzt tun kannst
- Führe ein Trinktagebuch. Notiere zwei, drei Wochen lang, wann, wie viel und warum du trinkst. Viele sind überrascht, was dabei herauskommt.
- Mach den Pausentest. Verzichte vier Wochen lang ganz auf Alkohol und beobachte, wie es dir damit geht. Fällt es dir leicht? Oder merkst du, wie sehr dir das Glas fehlt? Beides ist eine wertvolle Information. Ein guter Anlass ist der Dry January.
- Sprich mit deiner Hausärztin. Sie kann dich untersuchen, deine Werte prüfen und dich beraten.
- Geh in eine Suchtberatung. Und ja: Frauen wie meine Patientin gehören genau dorthin. Suchtberatungen sind nicht nur für Menschen da, die „ganz unten“ sind, sondern für alle, die ihren Konsum hinterfragen. Je früher, desto besser.
- Hol dir anonym Rat. Über safezone.ch kannst du dich kostenlos und anonym online beraten lassen.
Wichtig: Wenn du täglich grössere Mengen trinkst und beim Weglassen zitterst, schwitzt, unruhig wirst oder schlecht schläfst, solltest du nicht abrupt allein aufhören. Ein Entzug kann dann gefährlich werden. Lass dich ärztlich begleiten.
Hinschauen ist Selbstfürsorge
Wie ging es mit meiner Patientin weiter? Ich spielte den Ball zurück? "Was meinen Sie? Fühlt es problematisch an?" Ihre Antwort war ja. Von da an sah Ich sie regelmässig. Das Unbehagen im Wartezimmer legte sich mit der Zeit. Irgendwann gestand sie mir, dass sie sich auf die gemeinsamen Gespräche freue., Denn es gelinge ihr immer besser, die versteckten Muster im Alltag zu durchschauen, die sie zum Alkohol greifen liessen.
Die Frage „Trinke ich zu viel?“ ist kein Makel und kein Geständnis. Sie ist ein Zeichen, dass du dich selbst ernst nimmst. Wenn du sie dir stellst, dann sei freundlich mit dir. Mit Scham ist noch niemandem geholfen, mit ehrlichem Hinschauen schon. Mehr dazu in You are worthy of love und Süchtig sind immer die anderen.
Quellen und Anmerkungen
¹ Die beschriebene Patientin ist ein zusammengesetztes Beispiel. Natürlich bin ich an die ärztliche Schweigepflicht gebunden.
- Babor, T. F. et al. (2001): AUDIT – The Alcohol Use Disorders Identification Test. Guidelines for Use in Primary Care. WHO.
- Bradley, K. A. et al. (2003): Two brief alcohol-screening tests from the AUDIT questionnaire: validation in a female Veterans Affairs patient population. Archives of Internal Medicine.
- Reinert, D. F. & Allen, J. P. (2007): The Alcohol Use Disorders Identification Test: An Update of Research Findings. Alcoholism: Clinical and Experimental Research.
- WHO Europa (2023): No level of alcohol consumption is safe for our health. The Lancet Public Health.
- Eidgenössische Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten: Orientierungshilfe zum Alkoholkonsum
