Regina Esser • 4. September 2026

Alkohol - von Stigma und Vorurteilen

Das Paradox


Rund 85 Prozent der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren trinken mehr oder weniger regelmässig Alkohol, etwa 20 Prozent davon in einem risikoreichen Ausmass.¹ Und genau da liegt das Paradox: Weil Alkohol so tief in unserem Alltag verwurzelt ist, tun wir uns unfassbar schwer mit jenen, die ihren Konsum nicht mehr im Griff haben. Unser Umgang mit Menschen mit problematischem Alkoholkonsum ist geprägt von Scham, Stigmatisierung und Ausgrenzung. Die Angst vor dem Etikett „süchtig“ ist für viele Betroffene das grösste Hindernis, sich überhaupt Hilfe zu holen.

Sucht gilt in unserer Gesellschaft als persönliches Versagen. Mangelnde Selbstdisziplin, Verantwortungslosigkeit, fehlende Willenskraft – das sind die Eigenschaften, die wir Menschen mit problematischem Konsum gerne zuschreiben. Praktisch ist das schon, denn es schafft Abstand: Die Süchtigen, das sind immer die anderen. In diese Ecke stellt sich niemand freiwillig. Lieber wird die Fassade aufrechterhalten, lieber werden körperliche und seelische Schäden in Kauf genommen, als sich selbst und anderen einzugestehen, dass man ein Problem hat und Hilfe braucht.


Apropos fehlende Selbstdisziplin …

Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass eine Abhängigkeitserkrankung eine Charakterschwäche ist. Dazu fällt mir immer wieder eine Patientin² ein, eine gut situierte, gebildete und erfolgreiche Frau. Sie sagte einmal zu mir: „Frau Esser, ich verstehe mich selbst nicht! Mein ganzes Leben war ich so zielstrebig. Normalerweise schaffe ich alles, was ich mir vornehme. Ich habe mein Studium in Rekordzeit abgeschlossen, meine Firma aufgebaut, Beruf und Familie unter einen Hut gebracht – aber diese verdammte Sache mit dem Alkohol kriege ich einfach nicht in den Griff! Wie kann das sein? Was stimmt mit mir nicht?“

Na, was meinst du? Klarer Fall von mangelnder Willenskraft, oder? Aber das ist doch sicher die Ausnahme, höre ich dich schon einwenden. Ist es nicht. Von meinen Patientinnen, die ich wegen einer Alkoholproblematik behandle – und das sind inzwischen ziemlich viele –, haben nur zwei keinen festen Job. Eine davon ist bereits pensioniert.

Warum Willenskraft allein gegen Alkohol so wenig ausrichtet, hat mit Chemie zu tun, nicht mit Charakter. Mehr dazu in Warum trinken wir Alkohol? Eine Frage der Chemie.


Warum ich das Wort „Alkoholikerin“ nicht mag

Sprache ist nicht neutral. Das Wort „Alkoholiker oder Alkoholikerin“ macht aus einem Menschen mit einer Erkrankung eine Kategorie. Es beschreibt nicht, was jemand hat, sondern was jemand ist, und es ruft sofort ein Bild auf: den ungepflegten Mann auf der Parkbank. Mit meiner erfolgreichen Unternehmerin hat dieses Bild nichts zu tun. Genau deshalb erkennt sie sich darin nicht wieder, und genau deshalb holt sie sich so spät Hilfe.

Dazu kommt: Das Etikett klebt. „Einmal Alkoholikerin, immer Alkoholikerin“ – auch nach Jahren der Abstinenz. Welche andere Krankheit definiert einen Menschen so dauerhaft über seine schlimmste Phase?

Dass Worte etwas bewirken, ist sogar untersucht: In einer US-Studie lasen Fachleute denselben Fallbericht. Wurde die Person darin als „Substance Abuser“ bezeichnet statt als Mensch mit einer Suchterkrankung, hielten die Fachleute sie eher für selbst schuld und eher für strafwürdig.

Ich spreche deshalb lieber von Menschen mit einer Alkoholerkrankung. Wer sich selbst bewusst als Alkoholikerin bezeichnet, etwa in einer Selbsthilfegruppe, darf das natürlich tun. Das ist dann eine eigene Entscheidung und kein Urteil von aussen.


Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss …

Dieses aktive Ausblenden gibt es nicht nur bei den Betroffenen und ihrem Umfeld. Auch wir in der Medizin sind nicht davor gefeit. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn mir Patientinnen, die schon lange wegen Depressionen oder Burn-out in psychiatrischer oder psychologischer Behandlung sind, von ihrer Therapie erzählen. Häufig wurde die Frage nach dem Alkoholkonsum gar nicht erst gestellt. Das ist ungefähr so, als würde ich jemanden mit einer chronischen Atemwegserkrankung nicht aufs Rauchen ansprechen. Auch in der hausärztlichen Sprechstunde wird oft nur auf die Leberwerte geschaut. Sind die in Ordnung, wiegen sich Ärzt*innen und Patient*innen gerne in trügerischer Sicherheit. Dabei ist die Leber ein Arbeitstier, das unermüdlich und ohne zu murren Giftstoffe abbaut. Ihre Werte bleiben oft noch lange gut, obwohl längst vieles andere nicht mehr gut ist.

Der Substanzkonsum ist vermutlich das am zweitwenigsten besprochene Thema in der Hausarztpraxis, nur noch übertroffen vom Sexualleben. Schade, denn beide Themen liefern oft aufschlussreiche Informationen für die Behandlung. Aus Angst, unsere Patient*innen zu brüskieren, erhöhen wir unbewusst die Schwelle zur Behandlung. Denn wenn wir nicht aktiv und einfühlsam nachfragen, trauen sich die Betroffenen oft nicht, das Thema selbst anzusprechen. Woran du selbst erkennst, ob dein Konsum in eine Grauzone gerutscht ist, beschreibe ich hier.


Zur Scham verpflichtet

Das ist tragisch. Die Stigmatisierung erschwert nicht nur den Betroffenen den Weg in die Behandlung, sie schafft auch eine Vielzahl gesellschaftlicher Probleme. Ich habe Patientinnen, die ihre Therapie lieber selbst bezahlen, damit die Krankenkasse nicht erfährt, dass sie in einer Suchtberatung sind. Und es nimmt geradezu groteske Züge an, wenn erfolgreich abstinente Menschen überlegen, ob sie nicht doch wieder ab und zu kontrolliert trinken sollten, nur damit das Umfeld keine unangenehmen Fragen stellt. Das erlebe ich tatsächlich gar nicht so selten.

Lass dir das auf der Zunge zergehen: Da fühlt sich jemand in der eigenen Nüchternheit körperlich und seelisch pudelwohl, übernimmt Verantwortung für die eigene Gesundheit und das eigene Leben – genau die Fähigkeit, die wir Suchtkranken gerne absprechen – und spielt trotzdem mit dem Gedanken, das Erreichte aufs Spiel zu setzen, nur um dem Stigma der Ex-Alkoholikerin zu entgehen. Was für eine verdrehte Welt!

Leider steht auch die therapeutische Zunft nicht immer an vorderster Front, wenn es darum geht, das Selbstvertrauen nüchterner Menschen zu stärken. Vor einiger Zeit habe ich an einem Workshop für Therapeut*innen mit dem Titel „Strukturiertes Programm zur Alkoholrückfallprophylaxe“ teilgenommen. In einem Modul sollten die Teilnehmenden Sätze erarbeiten, mit denen Abstinente eine Aufforderung zum Trinken abwehren können. Vorgeschlagen wurden Ausreden wie „Nein danke, ich nehme gerade Antibiotika“ oder „Ich muss noch Auto fahren“. Auf meine Frage, ob man die Leute nicht einfach ermutigen könnte zu sagen: „Ich trinke nicht, weil ich nicht mehr will und es mir nicht guttut“, wurde ich angeschaut, als käme ich von einem anderen Stern.

Leider stimmt er also doch, dieser Spruch: In unserer Gesellschaft hast du erst ein Problem mit Alkohol, wenn du beschliesst, nicht mehr zu trinken.


Die bequeme Grenze: Warum wir Alkohol verharmlosen

Alkohol ist eine Droge. Pharmakologisch gibt es keinen Grund, ihn anders zu behandeln als andere psychoaktive Substanzen. Trotzdem nennen wir ihn Genussmittel, stossen damit an und stellen ihn bei jedem Fest auf den Tisch. Die Grenze zwischen „Kulturgut“ und „Droge“ ist keine medizinische, sondern eine kulturelle.

Und diese Grenze wird aktiv verteidigt. Wer abends seine Flasche Wein trinkt, fühlt sich normal, solange es „die Junkies“ gibt. Die Stigmatisierung von Menschen, die andere Substanzen konsumieren, ist die Kehrseite unserer Verharmlosung von Alkohol: Je klarer wir „die anderen“ als gefährlich, schwach und kriminell abstempeln, desto harmloser erscheint unser eigenes Glas. Innerhalb der Alkoholwelt wiederholt sich dasselbe Muster: hier die Geniesserin, dort die Alkoholikerin.

Solange wir diese Grenzen brauchen, um uns selbst zu beruhigen, bleibt das Stigma bestehen. Und mit ihm die Scham, die so viele davon abhält, sich rechtzeitig Hilfe zu holen.


I have a dream …

Ich wünsche mir, dass wir Sucht als das sehen, was sie ist: eine Krankheit, die jeden treffen kann, der Suchtmittel konsumiert, und für die sich niemand schämen muss. Genauso wenig wie für Diabetes oder Bluthochdruck.

Hoffnungsvoll stimmt mich, dass sich immer mehr Menschen an die Öffentlichkeit wagen und ihre Geschichte erzählen, darunter Nathalie Stüben, Daniel Schreiber oder Mimi Fiedler, um nur einige zu nennen. Mutige Menschen, die sich in Talkshows, Büchern, Blogs und Podcasts für die Entstigmatisierung einsetzen. Einige ihrer Bücher stelle ich in meinen Buchempfehlungen vor.

Vielleicht erleben wir gerade eine Trendwende. Vielleicht schaffen wir es bald, problematischen Alkoholkonsum aus der Schmuddelecke zu holen und dorthin zu stellen, wo er hingehört: in die Mitte der Gesellschaft.


Quellen:

¹ Sucht Schweiz

² Natürlich bin ich an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Bei der beschriebenen Patientin handelt es sich um ein zusammengesetztes Beispiel – aber so oder so ähnlich spielt sich diese Situation häufig in meiner Sprechstunde ab.