Ist Alkohol eine Droge?
Aber das weiss doch jeder!? ...
Kennt ihr das auch? Ihr geht davon aus, dass es zu Themen, die ihr als selbstverständlich haltet, ein Kollektivwissen gibt. Nur um dann im Gespräch mit einer anderen, keinesfalls ungebildeten Person zu erkennen, dass außerhalb eurer Wissensblase – in meinem Fall die Blase der Suchtmedizinerin – diese Erkenntnis überhaupt nicht selbstverständlich ist. Mir ist das neulich passiert, als ich mich mit einer Freundin über Alkohol und seine Wirkung unterhielt. Dabei fiel von ihr der Satz: „Aber Alkohol ist doch keine Droge!“ – „Doch, schon”, sagte ich. Um genau zu sein, ist Alkohol sogar ein Musterbeispiel für eine Droge. Wie gesagt, es handelte sich bei meiner Gesprächspartnerin um eine kluge, keinesfalls ignorante Frau mit durchweg vernünftigen Ansichten (Klar ist ja auch eine Freundin von mir! :-)) und ich wunderte mich, dass diese für mich so selbstverständliche Tatsache von ihr bezweifelt wurde. Warum gibt es in unserer Gesellschaft immer noch Leute, die nicht wissen, dass Alkohol eine Droge ist? Oder wissen sie es, wollen es aber nicht wahrhaben? Voilà, die Inspiration für einen neuen Beitrag war geboren!
Stellen wir uns eine Werbeszene vor: Ein fröhlicher Mann im Anzug mit Aktenkoffer konsumiert nach Feierabend genüsslich eine Substanz, die sein zentrales Nervensystem dämpft, seine Hemmschwelle senkt und bei regelmäßigem Gebrauch süchtig machen kann. Der Slogan dazu lautet: „Prost auf den Feierabend!“ Würde diese Substanz aus Südamerika kommen und müsste man sie schnupfen, wäre die Empörung groß. Kommt sie jedoch aus dem Weinberg nebenan und wird aus einem hübschen Glas getrunken, nennen wir sie Kultur. Willkommen bei der wohl erfolgreichsten PR-Kampagne der Menschheitsgeschichte: Alkohol.
Ja, Alkohol ist eine Droge.
Bevor jemand sein Glas Rotwein empört beiseitestellt, oder schlimmer noch, hier nicht mehr weiterliest, machen wir es kurz: Nach jeder wissenschaftlichen Definition ist Alkohol eine Droge. Er wirkt auf das zentrale Nervensystem, verändert Wahrnehmung und Stimmung, dämpft, enthemmt und kann körperlich wie psychisch abhängig machen. Die WHO sieht das genauso und listet Alkohol ganz unaufgeregt neben anderen psychoaktiven Substanzen. Der einzige nennenswerte Unterschied zu vielen anderen Drogen: Alkohol hat einen exzellenten Anwalt, eine jahrtausendealte PR-Abteilung und steht in jedem Supermarktregal, während andere Substanzen nicht einmal einen Instagram-Account haben dürfen.
Warum niemand die Polizei ruft, wenn Oma Eierlikör trinkt
Der Grund, warum wir bei Bier und Wein nicht sofort an „Droge” denken, hat wenig mit Pharmakologie und viel mit Gewohnheit zu tun. Alkohol ist legal, überall verfügbar, wird wie Zahnpasta beworben und gehört zu gefühlt jedem gesellschaftlichen Anlass dazu – ob Geburtstag, Beerdigung oder Montag. Diese Normalität ist gleichzeitig sein größter Trick: Sie sorgt dafür, dass wir die Risiken systematisch unterschätzen, während wir bei allem, was illegal ist, sofort in Alarmbereitschaft gehen. Dieselbe Gesellschaft, die vor einem Joint erschrickt, öffnet abends entspannt die dritte Flasche Wein und nennt es „Feierabend“.
Die weniger lustige Seite
Bei aller Ironie: Der Körper macht bei diesem Spiel nicht endlos mit. Wer regelmäßig und in größeren Mengen trinkt, riskiert einiges:
- **Körperliche Abhängigkeit**: Der Organismus gewöhnt sich an die Substanz – mit Entzugserscheinungen, wenn sie plötzlich fehlt.
- Organschäden: Leber, Herz-Kreislauf-System und Nervensystem zahlen auf Dauer die Zeche.
- **Psychische Folgen**: Der enge Zusammenhang mit Angststörungen und Depressionen wird gerne verdrängt – Alkohol ist kein zuverlässiger Seelentröster.
- **Soziale Kosten**: Beziehungen, Job und Familie leiden oft leiser, als man denkt.
Kein Aufruf zur Abstinenz, sondern zur Ehrlichkeit.
Dieser Text soll niemandem das gelegentliche Glas Wein zum Essen madig machen – ich trinke selbst gern mal eins ab und an. Es geht um etwas anderes: die Bereitschaft, Alkohol beim Namen zu nennen, statt ihn hinter Weinromantik und Grillabend-Nostalgie zu verstecken. Wer ehrlich benennt, womit er es zu tun hat, trifft bewusstere Entscheidungen und lässt sich nicht von der „besten Marketingabteilung der Welt” einlullen.
Fazit
Alkohol ist eine Droge. Eine legale, gesellschaftlich akzeptierte und hervorragend vermarktete Droge – aber eben eine. Diese Tatsache anzuerkennen, macht den Feierabendwein nicht zum Skandal, sondern macht uns im Umgang damit ein bisschen klüger.