Regina • 14. November 2025

Work hard, drink harder - Alkohol am Arbeitsplatz

Wämmer eis go ziehe!

Ja, ich gebe zu, mir ist es auch schon passiert, dass ich der Arbeit fernbleiben musste, weil ich am Vortag zu tief ins Glas geschaut hatte. Damals war ich noch Studentin und absolvierte ein Praktikum in einem kleinen Schweizer Spital. Es war Winter und das Krankenhaus lag in einer bekannten Skiregion, dementsprechend konnten wir uns über zu wenig Arbeit nicht beklagen. Ob auf der Notfallstation oder im OP, wir waren quasi rund um die Uhr im Einsatz. Und klar, wenn man so viel arbeitet, gönnt man sich mit dem Team auch mal einen Ausgleich. „Wämmer eis go ziehe?” Aber sicher! Diese Frage musste man mir nie zweimal stellen. Für die Feierabendbier oder Weinrunde war ich damals immer zu haben. Und nicht nur einmal habe ich es dabei übertrieben. Am besagten Abend habe ich dann auch deutlich mehr getrunken, als mir gut tat. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem schrecklichen Kater auf. An stundenlanges Hakenhalten im Operationssaal war schlichtweg nicht zu denken und ich meldete mich krank. Nicht ohne ein schlechtes Gewissen, denn ich wusste, dass mein fehlender Einsatz von jemand anderem erbracht werden musste.


Alkohol am Arbeitsplatz - Was die Zahlen sagen


Die Zahlen sind alarmierend. Gemäß einer im Jahr 2011 durchgeführten Studie des BAG beträgt der Anteil der Angestellten in der Schweiz mit einem problematischen Alkoholkonsum 2 %. Dies entspricht etwa 70 000 Personen. Eine Zahl, die ich persönlich für weit unterschätzt halte. Die durch den Alkoholkonsum bedingte verminderte Produktivität sowie die vermehrten Absenzen und Unfälle verursachen jährliche Kosten von bis zu einer Milliarde Franken für die Arbeitgeber. Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge sind bis zu fünf Prozent aller Berufstätigen alkoholabhängig. Der Produktivitätsverlust einer Person mit Alkoholproblem beträgt 15 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass Angestellte mit einem Alkoholproblem einen Unfall verursachen, ist schätzungsweise drei- bis viermal höher. Man geht davon aus, dass bis zu 25 % aller Arbeitsunfälle auf Alkoholkonsum oder den Konsum anderer psychoaktiver Substanzen zurückzuführen sind. Es gibt allerdings nur wenige genaue Daten, die das gesamte Ausmaß zeigen. Während bei schweren Unfällen in der Regel der Alkoholgehalt im Blut gemessen wird, ist dies bei leichten Unfällen nicht der Fall. Somit können wir davon ausgehen, dass wir nur die Spitze des Eisbergs erfassen. (Quelle Sucht Schweiz)


Prävention am Arbeitsplatz - mit gutem Beispiel vorangehen!


So erschreckend die Zahlen auch sind, es ist wiederum erfreulich, dass immer mehr Arbeitgeber Präventionsprogramme und Strategien implementieren, die darauf abzielen, den Alkoholkonsum kritisch zu hinterfragen und die Gesundheit der Mitarbeitenden zu fördern. Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung, Schulungen und anonyme Beratungsdienste sind wichtige Maßnahmen, die dabei helfen, die Mitarbeitenden zu sensibilisieren und den Konsum zu reduzieren. So erschreckend die Zahlen auch sind, es ist wiederum erfreulich, dass immer mehr Arbeitgeber Präventionsprogramme und Strategien implementieren, die darauf abzielen, den Alkoholkonsum am Arbeitsplatz zu reduzieren und die Gesundheit der Mitarbeitenden zu fördern. Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung, Schulungen und anonyme Beratungsdienste sind wichtige Maßnahmen, die dabei helfen, die Mitarbeitenden zu sensibilisieren und den Konsum zu reduzieren. Doch Schulungen und Workshops helfen nur bedingt, wenn die Betriebe in der Praxis nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Das gemeinsame Trinken gilt häufig noch als fester Bestandteil der Betriebskultur. In diesem Zusammenhang fällt mir ein besonders tragisches Beispiel aus meiner Praxis ein. Ein junger Mann kam zu uns in die Suchtberatung. Er hat einen problematischen Alkoholkonsum. Er trank häufig exzessiv und neigte zum Binge-Drinking. Der Leidensdruck war gross, denn der Alkoholkonsum gefährdete seine Beziehung. Er hätte gerne komplett auf Alkohol verzichtet. Er arbeitete in einer Versicherungsgesellschaft und war beruflich sehr ehrgeizig. Sein rein männliches Team traf sich regelmässig  auf Anregung des Abteilungsleiters zu After-Work-Drinks. Bei diesen Gelegenheiten konsumierte er besonders viel, da es ihm schwerfiel, die Alkoholmenge zu begrenzen, sobald er einmal angefangen hatte zu trinken. Sein Chef unterstützte dieses Verhalten. Gemeinsames Trinken im Sinne des Teambuildungs. Die Message war eindeutig. Wer nicht mittrinkt, kann schauen, wie er die Karriereleiter hochklettert. Für den karriereambitionierten Mann war es schlichtweg keine Option nüchtern zu bleiben, während der Chef becherte. Das mag nach einem Einzelfall klingen, kommt aber wahrscheinlich häufiger vor, als man annimmt.
Hier sind die Arbeitgeber gefordert genauer hinzuschauen, um solche toxische Strukturen zu erkennen.


Stigma erkennen und überwinden


Alkohol am Arbeitsplatz ist ein sensibles Thema, das häufig mit Scham und Geheimhaltung verbunden ist. Die Hürde für Betroffene, sich bei ihrem Arbeitgeber zu ihrem Alkoholproblem zu bekennen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist sehr hoch. Denn die Gesellschaft assoziiert Suchterkrankungen immer noch fälschlicherweise mit fehlender Disziplin, Selbstkontrolle und Verantwortungsbewusstsein. Zu den Schuld- und Schamgefühlen kommt noch die nicht unberechtigte Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hinzu. Diese Stigmatisierung behindert nicht nur die Betroffenen in ihrer Fähigkeit, Hilfe zu suchen, sondern auch die Schaffung eines gesunden Arbeitsumfelds für alle Mitarbeitenden. Hier sind die Arbeitgeber gefragt, ein unterstützendes und wohlwollendes Klima zu schaffen, in dem sich die Mitarbeitenden sicher fühlen, über ihre Herausforderungen zu sprechen. Letztendlich können wir durch einfühlsame Gespräche, respektvolle Unterstützung und den Abbau von Vorurteilen eine Kultur schaffen, von der nicht nur der Einzelne, sondern das gesamte Arbeitsumfeld profitiert. In einer solchen Atmosphäre kann das Thema „Alkohol am Arbeitsplatz” enttabuisiert werden. Das ermöglicht den Betroffenen, die notwendigen Schritte zur Verhaltensänderung zu unternehmen und gesunde Entscheidungen zu treffen.



Fazit: Für ein gesundes Arbeitsumfeld handeln!


Alkohol am Arbeitsplatz ist ein ernstzunehmendes Problem. Es gefährdet nicht nur die Gesundheit einzelner, sondern auch die Produktivität der gesamten Belegschaft. Es liegt an uns – Arbeitgebern und Mitarbeitenden – aktiv Verantwortung zu übernehmen und Präventionsmaßnahmen zu fördern. Lasst uns gemeinsam eine Unternehmenskultur schaffen, in der Offenheit und Unterstützung im Umgang mit dem Thema Alkohol selbstverständlich sind! Jeder sollte sich sicher fühlen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, ohne Angst vor Stigmatisierung oder Repressalien haben zu müssen.