Regina Esser • 14. November 2025

Alkohol am Arbeitsplatz – Auswirkungen, Risiken & Arbeitskultur

Work hard, drink harder – Alkohol am Arbeitsplatz

Wämmer eis go ziehe!


Ja, ich gebe zu, mir ist es auch schon passiert, dass ich der Arbeit fernbleiben musste, weil ich am Vortag zu tief ins Glas geschaut hatte. Damals war ich noch Studentin und absolvierte ein Praktikum in einem kleinen Schweizer Spital. Es war Winter und das Krankenhaus lag in einer bekannten Skiregion, dementsprechend konnten wir uns über zu wenig Arbeit nicht beklagen. Ob auf der Notfallstation oder im OP, wir waren quasi rund um die Uhr im Einsatz.

Und klar, wenn man so viel arbeitet, gönnt man sich mit dem Team auch mal einen Ausgleich. „Wämmer eis go ziehe?“ Aber sicher! Diese Frage musste man mir nie zweimal stellen. Für die Feierabendbier oder Weinrunde war ich damals immer zu haben. Und nicht nur einmal habe ich es dabei übertrieben. Am besagten Abend habe ich dann auch deutlich mehr getrunken, als mir gut tat. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem schrecklichen Kater auf.

An stundenlanges Hakenhalten im Operationssaal war schlichtweg nicht zu denken und ich meldete mich krank. Nicht ohne ein schlechtes Gewissen, denn ich wusste, dass mein fehlender Einsatz von jemand anderem erbracht werden musste.



Alkohol am Arbeitsplatz – mehr als nur ein Feierabendbier

Mein Erlebnis liegt schon einige Jahre zurück. Trotzdem kommt mir die Situation bekannt vor.

Das Feierabendbier mit den Kolleginnen. Der Apéro nach einer Sitzung. Das Glas Wein beim Geschäftsessen. Die Weihnachtsfeier. Der After-Work-Drink. Alkohol und Arbeitswelt sind häufig enger miteinander verbunden, als wir denken.

Dabei geht es gar nicht unbedingt darum, dass jemand betrunken zur Arbeit erscheint. Viel häufiger geht es um die subtileren Verbindungen zwischen Alkohol, Arbeitsalltag und Unternehmenskultur.

Was passiert, wenn Alkohol zum festen Bestandteil des sozialen Miteinanders im Job wird?

Und was, wenn man eigentlich gar nicht trinken möchte, aber das Gefühl hat, dazugehören zu müssen?


Wenn der Feierabenddrink zum Muster wird

Für viele Menschen bleibt ein Glas nach der Arbeit genau das: ein Glas.

Bei anderen entwickelt sich daraus allmählich ein Muster. Vielleicht wird aus dem einen Feierabendbier jeden Abend eines. Oder aus dem Glas Wein nach einem stressigen Arbeitstag zwei. Vielleicht ist der Drink irgendwann nicht mehr einfach Genuss, sondern die bevorzugte Methode, um nach einem anstrengenden Tag herunterzufahren. Gerade Stress, hohe Arbeitsbelastung und bestimmte Arbeitsbedingungen können mit problematischem Alkoholkonsum zusammenhängen. Der Arbeitsplatz kann dabei gleichzeitig Risikokontext und wichtiger Ort für Prävention und Unterstützung sein. Die wissenschaftliche Literatur zu diesem Zusammenhang ist allerdings heterogen. [1] Das bedeutet nicht, dass ein stressiger Job automatisch zu problematischem Alkoholkonsum führt. Aber manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen:

Trinke ich, weil ich gerne trinke – oder weil ich ohne Alkohol nicht mehr richtig abschalten kann?



Alkohol wirkt auch am nächsten Tag

Auch wenn der letzte Drink am Vorabend war, können seine Folgen bis in den nächsten Arbeitstag reichen.

Ein Kater kann Schlaf, Konzentration, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Und auch ohne ausgeprägten Kater kann Alkohol den nächsten Tag beeinflussen. In der Arbeitsmedizin wird dafür unter anderem der Begriff „Presenteeism“ verwendet: Man ist zwar bei der Arbeit, arbeitet aber nicht mit der gewohnten Leistungsfähigkeit.

Eine systematische Übersichtsarbeit untersuchte 26 Studien mit insgesamt 132 geprüften Zusammenhängen zwischen Alkoholkonsum und eingeschränkter Arbeitsleistung. In 77 % dieser Zusammenhänge war ein höherer Alkoholkonsum mit stärker beeinträchtigter Arbeitsleistung verbunden. Besonders häufig zeigte sich dieser Zusammenhang bei Kater-Episoden. Gleichzeitig waren 61 % der untersuchten Zusammenhänge von niedriger Qualität. Die Autor:innen beurteilen die Evidenz deshalb insgesamt als noch nicht eindeutig. [2] Auch krankheitsbedingte Fehlzeiten wurden untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit und Dosis-Wirkungs-Metaanalyse umfasste 21 Studien, davon 12 Kohorten- und 9 Querschnittsstudien. Episodisch starker, riskanter und hochriskanter Alkoholkonsum war im Vergleich zu leichtem bis moderatem Konsum mit einem erhöhten Risiko für krankheitsbedingte Fehlzeiten verbunden. Die Autor:innen weisen allerdings auf relevante Einschränkungen der vorhandenen Studien hin. [3] Eine weitere Meta-Analyse von 21 Studien fand ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und krankheitsbedingten Fehlzeiten. Das gepoolte relative Risiko lag bei 1,07 (95-%-Konfidenzintervall 1,01–1,13). In geschlechtsspezifischen Analysen lag das relative Risiko bei 1,11 für Männer und 1,10 für Frauen. [4] Es geht also nicht nur um die Frage:

„Bin ich betrunken bei der Arbeit?“ Viel häufiger geht es um die Auswirkungen, die Alkohol auf den nächsten Arbeitstag haben kann.



Wenn Alkohol zur Unternehmenskultur gehört

Besonders interessant wird das Thema dort, wo gemeinsames Trinken Teil des sozialen Miteinanders wird.

Ich erinnere mich an einen jungen Mann, den ich in der Suchtberatung kennengelernt habe.

Er hatte einen problematischen Alkoholkonsum. Er trank häufig exzessiv und neigte zum Binge-Drinking.

Der Leidensdruck war gross, denn der Alkoholkonsum gefährdete seine Beziehung. Er hätte gerne komplett auf Alkohol verzichtet.Er arbeitete in einer Versicherungsgesellschaft und war beruflich sehr ehrgeizig.

Sein rein männliches Team traf sich regelmässig auf Anregung des Abteilungsleiters zu After-Work-Drinks. Bei diesen Gelegenheiten konsumierte er besonders viel, da es ihm schwerfiel, die Alkoholmenge zu begrenzen, sobald er einmal angefangen hatte zu trinken. Und sein Chef trank mit.  Für meinen Patienten war es deshalb schlicht keine Option, bei diesen Treffen nüchtern zu bleiben. Er hatte das Gefühl, dass er dadurch nicht richtig dazugehören würde. Und schlimmer noch, er fürchtete, dass sein Chef ihn bei der nächsten Beförderung übergehen würde.

Gemeinsames Trinken war Teil des Teambuildings geworden.

Und damit wurde aus einer persönlichen Entscheidung plötzlich eine soziale.


„Nein, danke“ sollte keine Erklärung brauchen

Ich finde deshalb eine Frage besonders interessant:

Wie frei sind wir eigentlich bei der Entscheidung, ob wir trinken?

Wenn bei einem Geschäftsessen automatisch Wein bestellt wird. Wenn beim Team-Event alle mit einem Glas in der Hand anstossen. Wenn jemand keinen Alkohol trinkt und sofort gefragt wird: „Warum denn?“

Oder wenn der Satz „Ich trinke heute nichts“ mehr Aufmerksamkeit bekommt als ein volles Weinglas.

Dann geht es nicht mehr nur um Alkohol. Es geht um Gruppendruck, Zugehörigkeit und Unternehmenskultur.

Eine alkoholfreie Option sollte deshalb nicht als Sonderwunsch behandelt werden. Und niemand sollte sich für ein alkoholfreies Getränk rechtfertigen müssen.


Wenn Alkohol und Arbeitsleistung sich überschneiden

Nicht jede Beeinträchtigung ist offensichtlich.

Man muss nicht alkoholisiert am Arbeitsplatz erscheinen, damit Alkohol die Arbeit beeinflusst.

Ein später Abend mit mehreren Drinks kann am nächsten Morgen zu Müdigkeit und Konzentrationsproblemen führen. Ein Kater kann die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Und wer regelmässig schlecht schläft, weil Alkohol zwar zunächst beim Einschlafen helfen kann, die Schlafqualität aber beeinträchtigt, nimmt diese Auswirkungen möglicherweise ebenfalls mit in den nächsten Arbeitstag. Eine norwegische Studie mit 1'940 Beschäftigten im Alter von 20 bis 74 Jahren untersuchte alkoholbedingten Absentismus und Presenteeism. 1–2 % berichteten über einen vollständigen alkoholbedingten Fehltag, 2 % über einen teilweisen Fehltag und 11 % über eine Beeinträchtigung der Arbeitsleistung nach Alkoholkonsum am Vortag. Die Ergebnisse beruhen auf Selbstauskünften und lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Beschäftigten übertragen. [5] Hier zeigt sich auch, warum die Unterscheidung zwischen Absentismus und Presenteeism interessant ist:

Manchmal fehlt man wegen Alkohol bei der Arbeit. Manchmal ist man da – aber eben nicht wirklich leistungsfähig.


Alkoholprobleme am Arbeitsplatz erkennen

Nicht jeder Mensch, der bei einem Apéro zwei Gläser Wein trinkt, hat ein Alkoholproblem.

Und umgekehrt sieht man einem Menschen mit problematischem Konsum sein Problem nicht unbedingt an.

Warnzeichen können beispielsweise sein, dass Alkohol zunehmend zum festen Bestandteil des Feierabends wird, dass die konsumierte Menge regelmässig höher ausfällt als geplant oder dass alkoholfreie Tage immer schwieriger werden.

Auch Veränderungen bei Zuverlässigkeit, Fehlzeiten oder Arbeitsleistung können Anlass sein, genauer hinzuschauen.

Dabei sollte es nicht darum gehen, Kolleginnen oder Kollegen zu diagnostizieren. Es geht darum, Veränderungen wahrzunehmen und Unterstützung anzubieten. Denn Scham und Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen können eine Hürde sein, Hilfe zu suchen.


Was können Unternehmen tun?

Alkoholprävention am Arbeitsplatz funktioniert nicht nur über Informationsveranstaltungen.

Natürlich können Schulungen und Beratungsangebote sinnvoll sein. Entscheidend ist aber auch die Kultur, in der gearbeitet wird.

Dazu gehören beispielsweise:

  • alkoholfreie Getränke bei Veranstaltungen selbstverständlich anzubieten
  • Mitarbeitende nicht zum Trinken zu animieren
  • klare Regeln für sicherheitsrelevante Tätigkeiten zu haben
  • Führungskräfte für das Thema zu sensibilisieren
  • bei Problemen frühzeitig das Gespräch zu suchen
  • vertrauliche Unterstützungsangebote zugänglich zu machen

Die Forschung zeigt, dass Arbeitsplatzinterventionen grundsätzlich einen Beitrag zur Reduktion des Alkoholkonsums leisten können. Eine Meta-Analyse von 20 randomisierten Studien mit 4'484 Teilnehmenden fand einen statistisch signifikanten, allerdings kleinen Effekt (d = −0,16; 95-%-KI −0,2715 bis −0,0511). Die Studien waren allerdings heterogen. [6]

Eine weitere systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse umfasste sieben Studien mit insgesamt 1'291 Teilnehmenden. Sie fand einen kleinen Effekt auf die Reduktion des Alkoholkonsums (MD −2,25; 95-%-KI −4,20 bis −0,30), wobei die Autor:innen die Evidenz insgesamt als schwach bewerteten. [7]

Das bedeutet: Betriebliche Prävention kann sinnvoll sein – aber es gibt nicht die eine Intervention, die für jedes Unternehmen funktioniert.


Und was kannst du selbst tun?

Vielleicht beginnt es mit einer ganz einfachen Frage:

Warum trinke ich eigentlich?

Zum Anstossen? Weil es dazugehört? Weil ich den Geschmack mag? Weil ich nach einem langen Arbeitstag abschalten möchte? Weil alle anderen trinken? Oder weil ich merke, dass mir das Weglassen zunehmend schwerfällt?

Es gibt darauf keine allgemeingültige Antwort. Aber die Frage kann helfen, das eigene Trinkverhalten bewusster wahrzunehmen. Und vielleicht ist manchmal auch ein ganz einfacher Satz hilfreich: „Nein, danke. Ich trinke heute nichts.“

Ohne Begründung. Ohne schlechtes Gewissen.


Fazit

Alkohol und Arbeit sind stärker miteinander verbunden, als es auf den ersten Blick scheint.

Nicht nur dann, wenn jemand alkoholisiert zur Arbeit erscheint. Sondern auch durch Feierabenddrinks, Team-Events, Geschäftsessen, Stress, Schlaf, Kater und die Erwartungen, die innerhalb einer Unternehmenskultur entstehen können.

Alkohol am Arbeitsplatz ist deshalb nicht nur ein individuelles Thema. Es ist auch eine Frage der Arbeitskultur.

Und vielleicht wäre eine gute Arbeitskultur eine, in der ein „Nein, danke“ genauso selbstverständlich ist wie ein gemeinsames Anstossen.



Quellen

1. Schou L, Moan IS. Alcohol use-sickness absence association and the moderating role of gender and socioeconomic status: a literature review. Drug Alcohol Rev. 2016;35(2):158–169. DOI: 10.1111/dar.12278.

2. Thørrisen MM, Bonsaksen T, Hashemi N, Kjeken I, van Mechelen W, Aas RW. Association between alcohol consumption and impaired work performance (presenteeism): a systematic review. BMJ Open. 2019;9(7):e029184. DOI: 10.1136/bmjopen-2019-029184. Die Übersichtsarbeit umfasste 26 Studien mit 132 untersuchten Zusammenhängen; 77 % der Zusammenhänge zeigten eine Verbindung zwischen höherem Alkoholkonsum und stärker beeinträchtigter Arbeitsleistung. 61 % der Zusammenhänge wurden jedoch als methodisch niedrigwertig eingestuft. [2]

3. Marzan M, Callinan S, Livingston M, Leggat G, Jiang H. Systematic Review and Dose-Response Meta-Analysis on the Relationship Between Alcohol Consumption and Sickness Absence. Alcohol Alcohol. 2022;57(1):47–57. DOI: 10.1093/alcalc/agab008. Die Meta-Analyse umfasste 21 Studien, davon 12 Kohorten- und 9 Querschnittsstudien. Episodisch starker, riskanter und hochriskanter Konsum war mit einem erhöhten Risiko für krankheitsbedingte Fehlzeiten verbunden. [3]

4. Amiri S, Behnezhad S. Alcohol consumption and sick leave: a meta-analysis. J Addict Dis. 2020;38(2):100–112. DOI: 10.1080/10550887.2020.1724606. Die Meta-Analyse umfasste 21 Studien. Das gepoolte relative Risiko für krankheitsbedingte Fehlzeiten lag bei 1,07 (95-%-KI 1,01–1,13); in geschlechtsspezifischen Analysen bei 1,11 für Männer und 1,10 für Frauen. [4]

5. Nielsen MB, Skogstad A, Gjerstad J, et al. Alcohol-related absence and presenteeism: Beyond productivity loss. Int J Drug Policy. 2018;58:62–68. DOI: 10.1016/j.drugpo.2018.05.005. Die Studie umfasste eine Befragung von 1'940 norwegischen Beschäftigten im Alter von 20–74 Jahren sowie 24 qualitative Interviews. 1–2 % berichteten über einen vollständigen alkoholbedingten Fehltag, 2 % über einen teilweisen Fehltag und 11 % über eine Beeinträchtigung der Arbeitsleistung nach Alkoholkonsum am Vortag. [5]

6. Fellbaum L, Mojzisch A, Bielefeld L, Benit N, Soellner R. The effectiveness of workplace interventions for the prevention of alcohol use: a meta-analysis. Addiction. 2023;118(11):2043–2061. DOI: 10.1111/add.16276. Meta-Analyse von 20 randomisierten Studien mit 4'484 Teilnehmenden. Der Gesamteffekt auf den Alkoholkonsum war statistisch signifikant, aber klein (d = −0,16; 95-%-KI −0,2715 bis −0,0511). [6]

7. Yuvaraj K, Eliyas SK, Gokul S, Manikandanesan S. Effectiveness of Workplace Intervention for Reducing Alcohol Consumption: a Systematic Review and Meta-Analysis. Alcohol Alcohol. 2019;54(3):264–271. DOI: 10.1093/alcalc/agz024. Die Meta-Analyse umfasste sieben Studien mit 1'291 Teilnehmenden. Der gepoolte Effekt auf die wöchentliche Alkoholmenge lag bei MD −2,25 (95-%-KI −4,20 bis −0,30). Die Autor:innen bewerteten die Evidenz als schwach. [7]