Regina Esser • 26. September 2026

Alkohol und Haut: Was ein Glas Wein mit deinem Gesicht macht

Spieglein, Spieglein an der Wand ...

Ein Badezimmerschrank voller Cremetiegel, treue Followerin diverser Beauty-Kanäle auf YouTube und regelmässige Kaufexzesse im Korean-Skincare-Onlineshop – ja, ich gebe es zu: Ich bin ein Skincare-Junkie!

Das hat einen Grund. Meine Haut und ich hatten ein Leben lang eine komplizierte Beziehung. Neurodermitis in der Kindheit, schwere Akne seit der Pubertät, dazu kreisrunder Haarausfall, Vitiligo an den Armen  und Melasma im Gesicht – das volle Programm dessen, was die Haut erblühen und das Selbstbewusstsein in den Keller rauschen lässt. Kaum war ein Problem gelöst, bahnte sich schon das nächste an. Der Blick in den Spiegel am Morgen war lange Zeit kein Vergnügen.

Seit einigen Jahren ist das anders. Nach meiner Schwangerschaft begann für meine Haut ein neues Zeitalter. Die Pickel, jahrelang meine treuen Begleiter, kommen nur noch selten zu Besuch. Den langsamen Kollagenverlust der Wechseljahre spüre ich zwar, aber richtige Falten sind noch Mangelware. Und mein morgendliches Schönheitsritual ist endlich etwas, auf das ich mich nach dem Aufstehen freue.

Neben einer ausgewogenen Ernährung, Verzicht auf Zigaretten, viel Schlaf und wenig Zucker trägt dazu wahrscheinlich auch bei, dass ich heute nur noch selten Alkohol trinke. Denn ich erinnere mich gut an meine Sturm-und-Drang-Zeit als Studentin: Nach einer durchfeierten Nacht stand mir der Abend am nächsten Morgen buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Das bringt mich zur Frage: Was macht Alkohol eigentlich mit unserer Haut? Und kann die teuerste Creme dagegen etwas ausrichten?


Was Alkohol im Körper anrichtet – und warum die Haut es abbekommt

Alkohol ist ein Zellgift. Den grössten Teil baut die Leber ab, dabei entsteht als Zwischenprodukt Acetaldehyd, eine hochgiftige Substanz, die Zellen und Erbgut schädigen kann.¹ Wie das genau abläuft, erkläre ich im Beitrag zum Alkoholabbau.

Beim Abbau entstehen ausserdem freie Radikale, aggressive Moleküle, die normalerweise von Antioxidantien abgefangen werden. Alkohol senkt jedoch sowohl die Menge als auch die Aktivität dieser körpereigenen Schutztruppe. Die freien Radikale richten ungebremst Schaden an, und zwar in allen Geweben, auch in der Haut. Gleichzeitig fördert Alkohol die Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe wie TNF-α.³ Und dann ist da noch der Wasserhaushalt: Alkohol wirkt harntreibend.² Du verlierst mehr Flüssigkeit, als du mit dem Getränk aufnimmst. Auch das sieht man der Haut an.


Der Morgen danach

Die ersten Spuren zeigen sich oft schon nach einem einzigen Abend. Meine Studentinnen-Erfahrung ist also keine Einbildung:

  • Rötungen: Alkohol erweitert die Blutgefässe, das Gesicht wird rot und fleckig.³
  • Augenringe: Die Haut unter den Augen ist besonders dünn. Wenn Flüssigkeit fehlt und der Schlaf schlecht war, wird sie durchscheinender und dunkler. Warum Alkohol die Nachtruhe stört, beschreibe ich in Alkohol und Schlaf.
  • Fahler Teint: Die Haut wirkt müde, trocken und weniger frisch.
  • Aufgedunsenes Gesicht: Entzündungsprozesse und Verschiebungen im Flüssigkeitshaushalt führen zu Schwellungen, besonders um die Augen. Die salzigen Apéro-Snacks tun ihr Übriges.

Die gute Nachricht: Diese Veränderungen sind umkehrbar. Wer weniger trinkt, sieht das meist schon nach wenigen Tagen im Spiegel.


Rot nach dem ersten Glas: der Flush

Manche Menschen laufen schon nach wenigen Schlucken knallrot im Gesicht an, oft mit Herzklopfen und Wärmegefühl. Häufig betrifft das Menschen ostasiatischer Herkunft, weshalb man auch vom „Asian Flush“ spricht. Dahinter steckt eine genetische Variante: Ein Enzym, das Acetaldehyd abbaut, arbeitet nur eingeschränkt, das Gift staut sich im Körper.

Das ist weit mehr als ein Schönheitsproblem. Wer trotz Flush regelmässig trinkt, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für Speiseröhrenkrebs.⁴ Der rote Kopf ist also ein Warnsignal des Körpers, das man ernst nehmen sollte. Warum Acetaldehyd auch beim Brustkrebs eine Rolle spielt, erkläre ich in Alkohol und Brustkrebs.


Hautkrankheiten, die Alkohol befeuert

Besonders deutlich zeigt sich der Einfluss von Alkohol bei chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen.

Rosazea ist eine nicht ansteckende, chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die vor allem im Gesicht auftritt: mit Rötungen, sichtbaren Äderchen, Schwellungen und entzündlichen Pusteln. Viele Betroffene kennen Alkohol als Auslöser für Schübe. Eine grosse amerikanische Studie mit fast 83’000 Frauen zeigte: Je mehr Alkohol, desto höher das Risiko, an Rosazea zu erkranken. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Weisswein und Spirituosen.⁵ Eine Metaanalyse fand zudem Hinweise, dass Alkohol das Risiko für die fortgeschrittene, sogenannte phymatöse Form erhöht, bei der die Haut verdickt und wulstig wird, typischerweise an der Nase.⁶

Psoriasis, die Schuppenflechte, ist eine Autoimmunerkrankung, die sich mit geröteten, schuppenden Stellen zeigt, etwa an Ellenbogen, Knien oder der Kopfhaut. Menschen mit Psoriasis trinken im Durchschnitt mehr Alkohol, und Alkoholprobleme sind bei ihnen deutlich häufiger als in der übrigen Bevölkerung.⁷ ⁸ Das Gleiche gilt übrigens für Menschen mit Neurodermitis.⁸ Was Ursache und was Wirkung ist, lässt sich nicht immer trennen. Alkohol kann die Erkrankung verschlimmern. Aber umgekehrt ist eine sichtbare Hauterkrankung auch eine enorme seelische Belastung. Wer sich für seine Haut schämt, greift vielleicht eher zum Glas, um die Anspannung zu dämpfen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie sehr die Haut am Selbstwertgefühl nagen kann. Mehr über das Trinken zur Entspannung liest du in Entspannung aus dem Glas.

Ein wichtiger Hinweis aus internistischer Sicht: Einige Medikamente gegen Psoriasis, zum Beispiel Methotrexat, belasten ebenfalls die Leber. Zusammen mit Alkohol kann das gefährlich werden. Sprich mit deiner Ärztin darüber.

Akne entsteht, wenn Talgdrüsen und Haarfollikel verstopfen und sich entzünden. In einer Laborstudie regte Alkohol talgproduzierende Zellen dazu an, mehr Fett zu bilden.⁹ Ob das beim Menschen genauso zu mehr Pickeln führt, ist allerdings noch nicht gut untersucht. Plausibel ist es, zumal Alkohol auch Entzündungen fördert und die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen verschlechtert. Aber hier gilt: Die Beweislage ist dünner, als viele Beauty-Seiten behaupten.


Alkohol lässt die Haut schneller altern

Die kurzfristigen Effekte verschwinden wieder. Bei regelmässigem Konsum über Jahre hinterlässt Alkohol dagegen bleibende Spuren. Die ständige Austrocknung und eine gestörte Schutzbarriere machen die Haut trocken, schuppig und grobporig. Der oxidative Stress greift Kollagen und Elastin an, also die Fasern, die unsere Haut straff und elastisch halten.³ Die Folge: Falten und schlaffe Haut, früher als nötig.

Dazu kommt, dass Alkohol dem Körper wichtige Nährstoffe raubt, die die Haut für ihre Erneuerung braucht, etwa Vitamin A, Zink und Niacin. Mehr dazu in Alkohol – der unsichtbare Nährstoffräuber.

Eine grosse internationale Befragung von Frauen fand, dass regelmässiger, höherer Alkoholkonsum mit mehr Falten auf der Stirn, ausgeprägteren Tränensäcken, einem Volumenverlust im Mittelgesicht und mehr sichtbaren Äderchen verbunden war.¹⁰

Für uns Frauen in den Wechseljahren kommt es gleich doppelt: Mit dem sinkenden Östrogenspiegel verliert die Haut ohnehin an Kollagen. Alkohol beschleunigt diesen Prozess zusätzlich. Mehr dazu in Alkohol in den Wechseljahren.


Die Rotwein trinkende, rauchende Französin – eine Beauty-Lüge

Sie sitzt auf der Terrasse eines Pariser Cafés, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ein Glas Rotwein. Ungeschminkt, die Haare lässig zerzaust, und trotzdem umwerfend. Die Französin, die ohne jede Anstrengung schön ist: Dieses Bild verkaufen uns Filme, Modemagazine und Instagram seit Jahrzehnten. Ganze Ratgeber erklären, wie man es ihr nachmacht.

Ich muss dich enttäuschen: Das ist eine der hartnäckigsten Beauty-Lügen überhaupt. Die Frau auf dem Foto ist meist Mitte zwanzig, perfekt ausgeleuchtet und von einer Visagistin so geschminkt, dass es nach ungeschminkt aussieht. Die Rechnung für Zigarette und Rotwein kommt erst Jahre später, und die bekommt man selten zu sehen.

Denn wenn es etwas gibt, das die Haut noch zuverlässiger altern lässt als Alkohol, dann ist es das Rauchen. Nikotin verengt die Blutgefässe, die Haut wird schlechter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Der Tabakrauch setzt massenhaft freie Radikale frei und aktiviert Enzyme, die Kollagen und Elastin abbauen. Fachleute sprechen schon seit den 1980er-Jahren vom „Smoker’s Face“: tiefe Fältchen um Mund und Augen, eine gräulich-fahle Haut, eingefallene Wangen.¹¹ Besonders eindrücklich zeigt es eine Studie mit eineiigen Zwillingen: Bei Paaren, in denen nur eine Schwester rauchte, wirkte die Raucherin deutlich älter, bei gleichen Genen.¹² Auch in der grossen Befragung zur Gesichtsalterung war Rauchen mit mehr Falten verbunden.¹⁰

Zigarette und Wein sind dabei ein besonders ungünstiges Duo. Beide erzeugen freie Radikale, beide plündern die Vorräte an Antioxidantien. Und beim Krebsrisiko addieren sich die beiden nicht einfach, sie verstärken sich gegenseitig, vor allem bei Krebs in Mund, Rachen und Speiseröhre. Dass Rauchen und Trinken so oft Hand in Hand gehen, macht die Sache nicht besser: Viele, die nur „in Gesellschaft“ rauchen, tun es fast immer mit einem Glas in der Hand.

Und der Rotwein, der angeblich so gesund ist? Auch das ist ein Mythos, den ich in Wein, Weib und die Boulevardpresse auseinandernehme. Wenn du dir also etwas von der Pariserin abschauen willst, dann den Seidenschal und die Gelassenheit. Zigarette und Rotwein kannst du ihr lassen.


Alkohol und Hautkrebs

Weil Alkohol die Abwehr gegen freie Radikale schwächt, reagiert die Haut empfindlicher auf UV-Strahlung. Schäden an der DNA werden schlechter repariert, und das Immunsystem ist geschwächt. Studien zeigen ein erhöhtes Risiko sowohl für den schwarzen Hautkrebs (Melanom)¹³ als auch für hellen Hautkrebs.³

Dazu kommt ein ganz praktischer Effekt, den wohl jede kennt: Beim Apéro am See oder beim Bier in der Sonne wird das Nachcremen gern vergessen, und das Nickerchen in der Sonne endet mit Sonnenbrand. Tipps zum Sonnenschutz findest du bei der Krebsliga Schweiz.


Die Haut als Spiegel der Leber

Als Ärztin für Innere Medizin weiss ich: Die Haut verrät viel darüber, wie es der Leber geht. Wenn die Leber durch Alkohol bereits geschädigt ist, zeigt sich das oft auch an der Haut:¹⁴

  • Gelbfärbung von Haut und Augen (Gelbsucht), weil die Leber den Gallenfarbstoff nicht mehr richtig abbauen kann
  • Spider-Naevi: kleine, sternförmige Gefässerweiterungen, vor allem an Gesicht, Hals und Oberkörper
  • Gerötete Handflächen (Palmarerythem)
  • Juckreiz und schnell auftretende blaue Flecken, weil die Leber weniger Gerinnungsfaktoren bildet

Diese Zeichen sind keine kosmetischen Probleme mehr, sondern ein Alarmsignal. Wer sie bei sich bemerkt, sollte ärztlichen Rat suchen.


Nicht alles ist Alkohol

Damit wir uns richtig verstehen: Nicht jedes Hautproblem hat mit Alkohol zu tun. Meine Vitiligo, mein Melasma und mein kreisrunder Haarausfall hatten ganz andere Ursachen, nämlich Veranlagung, Autoimmunprozesse, Hormone und Sonne. Für einen Zusammenhang mit Alkohol gibt es dort keine überzeugenden Belege.

Meine Haut hat mich gelehrt, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben. Beim Alkohol aber schon.


Kein Serum gegen den Rotwein

Und damit zurück zu meinem Badezimmerschrank. Ich liebe meine Cremetiegel nach wie vor. Aber ich habe gelernt: Das teuerste Serum kann nicht ausgleichen, was ein regelmässiges Glas Wein am Abend anrichtet. Die wirksamste Hautpflege ist nicht im Tiegel, sondern auf dem Nachttisch (Schlaf), im Wasserglas, in der Sonnencreme und im Verzicht auf Alkohol und Zigaretten.

Die Haut verzeiht viel. Wer eine Pause einlegt, sieht die ersten Veränderungen oft schon nach kurzer Zeit: weniger Rötungen, weniger Schwellungen, ein frischerer Teint. Ein Dry January ist eine gute Gelegenheit, es selbst auszuprobieren. Mach am 1. Januar ein Foto und am 31. noch eins.


Quellen

¹ Zakhari, S. (2006): How Is Alcohol Metabolized by the Body? Alcohol Research & Health. PMC6527027

² Australian Government, Department of Health: What are the effects of alcohol? health.gov.au

³ Liu, L. & Chen, J. (2023): Advances in Relationship Between Alcohol Consumption and Skin Diseases. PMC10759914

⁴ Brooks, P. J. et al. (2009): The Alcohol Flushing Response: An Unrecognized Risk Factor for Esophageal Cancer from Alcohol Consumption. PLoS Medicine. [Link ergänzen und prüfen]

⁵ Li, S. et al. (2017): Alcohol intake and risk of incident rosacea in US women. Journal of the American Academy of Dermatology. PMC5438297

⁶ Liu, L. et al. (2022): Alcohol consumption and the risk of rosacea: A systematic review and meta-analysis. PubMed 34582097

⁷ Brenaut, E. et al. (2013): Alcohol consumption and psoriasis: a systematic literature review. PubMed 23845150

⁸ Al-Jefri, K. et al. (2017): High prevalence of alcohol use disorders in patients with inflammatory skin diseases. PubMed 28346655

⁹ Kleemann, J. et al. (2024): Alcohol Promotes Lipogenesis in Sebocytes – Implications for Acne. PubMed 38391942

¹⁰ Goodman, G. J. et al. (2019): Impact of Smoking and Alcohol Use on Facial Aging in Women. Journal of Clinical and Aesthetic Dermatology. [Link ergänzen und prüfen]

¹¹ Model, D. (1985): Smoker’s face: an underrated clinical sign? British Medical Journal. [Link ergänzen und prüfen]

¹² Guyuron, B. et al. (2009): Factors contributing to the facial aging of identical twins. Plastic and Reconstructive Surgery. [Link ergänzen und prüfen]

¹³ Rota, M. et al. (2014): Alcohol drinking and cutaneous melanoma risk: a systematic review and dose-risk meta-analysis. British Journal of Dermatology. [Link ergänzen und prüfen]

¹⁴ Albrecht, G. (2000): Skin manifestations of alcoholic liver damage. PubMed 10804882


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