Alkohol und Brustkrebs: Wenn jedes Glas zählt
Pink Ribbon und Prosecco
Im Oktober wird alles rosa. Schleifen am Revers, beleuchtete Gebäude, Spendenläufe – und im Supermarkt der Rosé mit Pink-Ribbon-Etikett, bei dessen Kauf ein paar Rappen an die Krebsforschung gehen. Man kann also mit einem Glas Wein auf die Brustkrebsvorsorge anstossen. Das ist ungefähr so sinnvoll, wie mit einer Zigarette auf den Lungenkrebsmonat.
Denn was im Brustkrebsmonat kaum jemand erwähnt: Alkohol ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Brustkrebs, auf die wir selbst Einfluss haben. Und die meisten Frauen wissen es nicht.
Brustkrebs: Die häufigste Krebserkrankung bei Frauen
Brustkrebs ist weltweit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jedes Jahr rund 2,3 Millionen Frauen daran. In der Schweiz sind es jährlich rund 6'600 (Swiss Cancer Research) Frauen. Etwa jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens.
Viele Risikofaktoren können wir nicht beeinflussen: Alter, Gene, die familiäre Vorgeschichte. Alkohol schon.
Alkohol ist krebserregend – daran gibt es keinen Zweifel
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der WHO, stuft Alkohol als Karzinogen der Gruppe 1 ein. In derselben Gruppe stehen Tabak und Asbest. Das bedeutet nicht, dass Alkohol genauso gefährlich ist, sondern dass die Beweislage genauso eindeutig ist: Alkohol verursacht beim Menschen Krebs.
Bei mindestens sieben Krebsarten gilt der Zusammenhang als gesichert: Krebs in Mund, Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, Darm und der weiblichen Brust. Die WHO Europa hält deshalb fest, dass es keine Menge Alkohol gibt, die für die Gesundheit unbedenklich ist. Mehr dazu in meinem Beitrag zu den Grenzwerten.
Wie viel Risiko steckt in einem Glas?
Beim Brustkrebs gibt es keine Schwelle, unter der Alkohol harmlos wäre. Das Risiko steigt mit jedem Glas: Pro 10 Gramm Alkohol am Tag erhöht sich das Brustkrebsrisiko um rund 7 bis 10 Prozent. Nach den Wechseljahren ist der Anstieg etwas stärker als davor. 10 bis 12 Gramm Alkohol entsprechen ungefähr einem Standardglas, also 1 dl Wein, 3 dl Bier oder 2 cl Schnaps. Das normale Weinglas im Restaurant ist oft grösser.
Eine grosse Auswertung der amerikanischen Nurses’ Health Study mit über 100’000 Frauen zeigte schon 2011: Bereits drei bis sechs Gläser pro Woche waren mit einem um etwa 15 Prozent höheren Brustkrebsrisiko verbunden. Wir reden hier also nicht über Alkoholexzesse, sondern über das Glas Wein zum Abendessen.
Wichtig für die Einordnung: Ein um 15 Prozent erhöhtes Risiko heisst nicht, dass 15 Prozent der Frauen erkranken. Es heisst, dass das ohnehin schon hohe Grundrisiko um diesen Anteil steigt. Für die einzelne Frau ist das eine Verschiebung, keine Gewissheit. Auf die ganze Bevölkerung gerechnet sind es aber viele Erkrankungen, die nicht hätten sein müssen.
Warum ist Alkohol krebserregend?
Die Mechanismen sind vielfältig. Die wichtigsten:
- Acetaldehyd: Beim Abbau von Alkohol entsteht Acetaldehyd, eine hochgiftige Verbindung, die das Erbgut schädigen und Mutationen verursachen kann.
- Hormone: Alkohol erhöht den Östrogenspiegel. Da viele Brustkrebsarten hormonabhängig wachsen, ist das beim Brustkrebs besonders relevant.
- Nährstoffe: Alkohol stört die Aufnahme wichtiger Nährstoffe wie Folsäure, die für die Zellteilung und die Reparatur der DNA gebraucht werden. Mehr dazu in Alkohol – der unsichtbare Nährstoffräuber.
Und nein, Rotwein ist keine Ausnahme. Das Resveratrol im Rotwein ändert nichts daran, dass der Alkohol darin krebserregend ist. Warum sich der Rotwein-Mythos trotzdem so hartnäckig hält, erkläre ich in Wein, Weib und die Boulevardpresse.
Warum spricht niemand darüber?
Umfragen zeigen immer wieder, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung weiss, dass Alkohol Krebs verursachen kann. Das ist kein Zufall. Alkohol ist ein Kulturgut, und wer das Glas Wein mit Krebs in Verbindung bringt, gilt schnell als Spassverderberin. Auch in der ärztlichen Sprechstunde wird der Zusammenhang selten angesprochen, über Alkohol wird dort ohnehin zu wenig geredet.
Dazu kommt: Frauen sind für die Alkoholindustrie eine wichtige Zielgruppe. Rosé, Aperol, Prosecco – vieles wird gezielt für Frauen vermarktet, gern mit Leichtigkeit, Freundinnen und Selbstfürsorge. Das rosa Etikett im Oktober ist nur die Spitze davon.
Was du tun kannst
- Jedes Glas weniger zählt. Du musst nicht von heute auf morgen ganz verzichten, um dein Risiko zu senken. Weniger ist in jedem Fall besser.
- Bei familiärer Vorbelastung: Wenn Brustkrebs in deiner Familie vorkommt, empfehle ich dir – auch auf die Gefahr hin, als Spassverderberin dazustehen –, ganz auf Alkohol zu verzichten.
- Nach den Wechseljahren steigt das Brustkrebsrisiko ohnehin, und Alkohol fällt stärker ins Gewicht. Mehr dazu in Alkohol in den Wechseljahren.
- Geh zur Vorsorge. Frag deine Gynäkologin oder Hausärztin, welche Untersuchungen für dich sinnvoll sind. In vielen Kantonen gibt es ab 50 ein Mammografie-Screening-Programm.
Wenn du dieses Jahr eine rosa Schleife trägst, dann vielleicht mit einem alkoholfreien Drink in der Hand. Ideen dafür findest du bei meinen Rezepten.
Quellen
- IARC Monographs, Band 100E: Alkohol als Karzinogen der Gruppe 1
- WHO Europa (2023): Stellungnahme „No level of alcohol consumption is safe for our health“, The Lancet Public Health
- World Cancer Research Fund / AICR (2018): Diet, Nutrition, Physical Activity and Breast Cancer
- Chen, W. Y. et al. (2011): Moderate alcohol consumption during adult life, drinking patterns, and breast cancer risk. JAMA
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