Durch Mark und Bein - Alkohol und der Knochenstoffwechsel
Ein ungeplanter Verlauf einer geplanten Operation …
Drei Tage im Krankenhaus, zwei Wochen Krücken, schmerzfreies Gehen und volle Mobilität nach spätestens vier Wochen, dann auf nach Italien in die Ferien. So war der ursprüngliche Plan. Am Ende kam es aber doch anders. Eine unvorhergesehene Komplikation führte dazu, dass ich 12 Wochen lang an Krücken gehen musste und das Bein nicht belasten durfte. Der Traum von Sonne, Strand und dolce Vita geplatzt, meine Zeit verbrachte ich daher mehr oder weniger in meinen vier Wänden. Ich musste feststellen, dass Lesen, Netflix und Co. für zwei, drei Tage als Zeitvertreib ok sind, danach wurde es mir dann doch ein bisschen langweilig. Ausreden hatte ich keine mehr und Zeit mehr als genug, also nutzte ich die Gelegenheit, mich endlich wieder meinem lang vernachlässigten Blog zu widmen. Wenn man ein gebrochenes Bein hat, ist das Thema auch schnell gefunden:
Wie wirkt sich der Alkoholkonsum auf die Knochen aus?
Die Kernaussage zuerst: Ab wann wird's riskant?
Die Studienlage zeigt ein U-förmiges Muster. Verglichen mit Abstinenzler:innen hatten Personen mit 0,5 bis 1 Standardglas pro Tag ein tieferes Hüftfraktur-Risiko (RR 0,80), während bei mehr als 2 Gläsern pro Tag das Risiko deutlich anstieg (RR 1,39). [1] Das klingt zunächst nach einer Entwarnung für moderaten Konsum. Ich bin da trotzdem vorsichtig – und zwar aus einem methodischen Grund: Die Vergleichsgruppe der „Abstinenzler:innen“ enthält in solchen Studien oft Menschen, die früher viel getrunken haben und bereits Vorschäden davontragen. Dieser sogenannte Sick-Quitter-Effekt kann einen schützenden Effekt von moderatem Konsum vortäuschen, der so gar nicht existiert. [1]
Eindeutig ist dagegen: Regelmässiger, hoher Konsum schadet den Knochen nachweislich – unabhängig vom Lebensalter.
Wie unsere Knochen aufgebaut sind
Wenn man an die versteinerten Skelette von Dinosauriern denkt, denkt man nicht unbedingt daran, dass Knochen ein sehr vitales Gewebe sind, in dem lebenslange Wachstums- und Umbauprozesse stattfinden. Sie stützen und bewegen uns, schützen Organe wie Gehirn, Herz und Lunge, sind an der Blutbildung beteiligt und dienen als Kalziumspeicher.
Man unterscheidet zwei Arten von Knochengewebe: die dichte äussere Rindenschicht (Kortikalis) und die poröse innere Spongiosa mit ihren feinen Knochenbälkchen, den Trabekeln.
Von der Geburt bis zum Ende der Pubertät wachsen unsere Knochen schnell, die maximale Knochenmasse erreichen wir zwischen dem 9. und 18. Lebensjahr. Danach werden Knochen ständig umgebaut. Zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr nimmt die Knochendichte bereits wieder ab – bis zum 70. Lebensjahr verlieren wir so 30–40 % unserer Skelettmasse. Nach den Wechseljahren beschleunigt sich dieser Verlust bei Frauen, weil der Östrogenspiegel sinkt, der die knochenabbauenden Osteoklasten normalerweise bremst.
Wie Alkohol den Kalzium- und Hormonstoffwechsel stört
Kalzium übernimmt in unserem Körper viele Funktionen: Es steuert die Muskelfunktion und den Herzrhythmus, ist wichtig für die Blutgerinnung und wird über Hormone wie Parathormon, Calcitonin und Vitamin D im Gleichgewicht gehalten.
Alkohol stört genau dieses Hormonsystem. Das führt dazu, dass weniger Kalzium über den Darm aufgenommen und mehr über die Nieren ausgeschieden wird. Um den Kalziumspiegel im Blut dennoch konstant zu halten, muss der Körper den Kalziumspeicher im Knochen anzapfen – was diesen langfristig schwächt. [2]
Direkter und vermutlich noch bedeutsamer: Alkohol hemmt dosisabhängig die Aktivität der knochenaufbauenden Osteoblasten. Der Knochenverlust unter Alkoholeinfluss entsteht also in erster Linie durch reduzierten Knochenaufbau, nicht durch beschleunigten Abbau. [2]
Alkohol in der Wachstumsphase
Besonders kritisch ist Alkoholkonsum für junge, noch wachsende Knochen. Er senkt die maximale Knochendichte, die in der Jugend erreicht wird – und diese Peak Bone Mass bestimmt massgeblich das Frakturrisiko im späteren Leben, da sie im Erwachsenenalter nur noch abnimmt, nie wieder zunimmt. [3]
Alkohol und Frakturheilung
Wie in meinem Fall mit dem gebrochenen Bein ist es ratsam, während der Heilung auf Alkohol zu verzichten. Alkohol hemmt die Bildung des sogenannten Kallus – der Knochenschwiele, die sich beim Zusammenwachsen einer Bruchstelle bildet und sich durch Kalziumeinlagerung zu neuem Knochengewebe verfestigt. Neben der Störung von Vitamin-D- und Kalziumstoffwechsel hemmt Alkohol vermutlich auch direkt die Proliferation der reparierenden Zellen im Bruchspalt. Studien mit Menschen mit Alkoholabhängigkeit zeigen entsprechend deutlich häufiger Heilungskomplikationen wie verzögerte oder ausbleibende Frakturheilung. [4]
Wie viel ist zu viel? Ein genauerer Blick auf die Studienlage
Eine Tierstudie aus dem Jahr 2022 an Ratten liefert dazu ein spannendes Detail: Auch wenn sich die Knochenmineraldichte durch chronischen Alkoholkonsum nicht veränderte, nahmen der Kollagenanteil und die Dicke der Knochentrabekel ab, während die Knochenbrüchigkeit zunahm. [5] Das bedeutet: Die Knochendichte allein – der Wert, der auch bei uns Menschen meist gemessen wird – ist möglicherweise kein ausreichender Massstab für die tatsächliche Knochenqualität. Ein Knochen kann auf dem Papier „dicht genug“ aussehen und trotzdem brüchiger sein, als die Zahl vermuten lässt.
Fazit
Ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D und eine grosse Portion Geduld – und zum Vino sagte ich lieber No!
Quellen
1. Berg KM, Kunins HV, Jackson JL, et al. Association Between Alcohol Consumption and Both Osteoporotic Fracture and Bone Density. Am J Med. 2008;121(5):406–418. DOI: 10.1016/j.amjmed.2007.12.012.
2. Chakkalakal DA. Alcohol-induced bone loss and deficient bone repair. Alcohol Clin Exp Res. 2005;29(12):2077–2090. DOI: 10.1097/01.alc.0000192039.21305.55.
3. Godos J, Giampieri F, Chisari E, et al. Alcohol Consumption, Bone Mineral Density, and Risk of Osteoporotic Fractures: A Dose-Response Meta-Analysis. Int J Environ Res Public Health. 2022;19(3):1515. DOI: 10.3390/ijerph19031515.
4. Chakkalakal DA. Alcohol-induced bone loss and deficient bone repair. Alcohol Clin Exp Res. 2005;29(12):2077–2090. DOI: 10.1097/01.alc.0000192039.21305.55.
5. Seabra O, Pereira VG, Espindula AP, et al. Even without changing the bone mineral density, alcohol consumption decreases the percentage of collagen, the thickness of bone trabeculae, and increases bone fragility. An Acad Bras Cienc. 2022;94(suppl 3):e20210661. DOI: 10.1590/0001-3765202220210661. Tiermodellstudie an Ratten.
