Warum trinken wir Alkohol? Eine Frage der Chemie
Warum trinken wir?
Der erste Schluck
Trinkst du Alkohol? Wenn ja, erinnerst du dich noch an dein erstes alkoholisches Getränk? An den Geschmack? Hat es dir gefallen?
Ich weiss noch gut, wie ich als junges Mädchen manchmal die Schaumkrone vom Bierglas meines Vaters probieren durfte. Ein eigenartiges Getränk. Dieser herbe Geruch. Und dann dieser fluffige Schaum, den man vom Glas pusten konnte. Aber der Geschmack? Widerlich. Wie konnten Erwachsene so ein Gebräu einer Cola oder Limo vorziehen?
Als ich später ins Teenageralter kam und Alkohol zum festen Bestandteil meines Club- und Partylebens wurde, quasi als Eintrittskarte ins Erwachsenenleben, prosteten meine Freundinnen und ich uns vorzugsweise mit Asti zu. Der war so schön süss und süffig, geschmacklich näher an der Limonade als am Prosecco. Den herben, bitteren Alkoholgeschmack musste ich mir also erst schöntrinken. Das gelingt bei Alkohol erstaunlich schnell, unser Geschmackssinn passt sich an. Mittlerweile mag ich zwar immer noch kein Bier, aber auch keinen klebrig süssen Asti mehr.
Wir trinken nicht wegen des Geschmacks
Reiner Alkohol schmeckt bitter und brennt auf der Zunge. Deshalb wird er verdünnt und mit Aromen und Zucker versetzt, damit wir ihn überhaupt geniessen können. Nein, wir trinken Alkohol wegen seiner Wirkung. Alkohol ist eine Droge, die direkt in den Botenstoffwechsel unseres Nervensystems eingreift und dadurch angenehme Gefühle auslöst.
Die neurochemischen Postboten
Neurotransmitter, auch Botenstoffe genannt, leiten Signale zwischen den Nervenzellen weiter. Sie sind sozusagen unsere neurochemischen Postboten, und sie bestimmen mit, wie wir uns fühlen, wie aufmerksam wir sind und wie wohl wir uns fühlen. Alkohol mischt gleich bei mehreren mit:
- Dopamin ist der Botenstoff der Belohnung. Oft wird er als Glückshormon bezeichnet, genau genommen steuert er aber eher das Wollen als das Glück: Er markiert etwas als „lohnt sich, bitte wiederholen“. Die ersten Sonnenstrahlen im Frühling, der Duft von frisch gebackenem Kuchen, ein Kompliment, Anerkennung im Beruf – all das lässt Dopamin fliessen. Alkohol auch, und zwar zuverlässig und auf Knopfdruck. Im Fall meines Asti quasi Sparkling Joy aus der Flasche.
- Endorphine, die körpereigenen Opioide, sorgen für das wohlige, warme Gefühl nach den ersten Schlucken.
- Serotonin beeinflusst unsere Stimmung. Alkohol hebt sie kurzfristig an, bringt das System bei regelmässigem Konsum aber aus dem Gleichgewicht.
- GABA ist die Bremse unseres Nervensystems. Bei Stress, Angst und Anspannung fährt uns GABA wieder runter. Alkohol verstärkt diese Bremswirkung. Hand aufs Herz: Wer kennt sie nicht, die entspannende Wirkung eines Glases Wein nach einem stressigen Tag? Mehr dazu in Entspannung aus dem Glas.
Unser Gehirn speichert diese Wirkung als positive Erfahrung ab. Und wir sind entwicklungsgeschichtlich darauf programmiert, positive Erfahrungen möglichst schnell und oft zu wiederholen. Durch die Wiederholung entsteht eine Konditionierung: Wir lernen, Alkohol eine positive Bedeutung zu geben. Wie genau dieses Lernen funktioniert, erkläre ich im Beitrag Erlernter Konsum – wie Dopamin das Trinkverhalten steuert.
Warum das Gehirn gegensteuert
So weit, so gut. Belohnung, Wohlgefühl und Chill-out-Faktor, was will man mehr? Leider hat die Sache langfristig einen grossen Haken.
Unser Nervensystem kennt nicht nur Gaspedal und Wohlgefühl, sondern auch Gegenspieler. Und das ist sinnvoll: Als uns in der Steinzeit der Säbelzahntiger durch die Steppe jagte, hätten uns innere Ausgeglichenheit und Glücksgefühle nicht wirklich weitergeholfen. In den richtigen Momenten müssen wir Angst, Stress und Alarmbereitschaft empfinden können.
Trinken wir regelmässig, versucht das Gehirn deshalb, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Es fährt die Empfindlichkeit des Belohnungssystems herunter, und die GABA-Rezeptoren reagieren schwächer. Gleichzeitig wird das System des Glutamats hochgefahren, des erregenden Gegenspielers von GABA. Das Ergebnis: Die gewohnte Menge wirkt nicht mehr so stark. Man nennt das Toleranz.
Willkommen im Teufelskreis
Das Wohlgefühl bleibt aus, und das passt unserem Gehirn gar nicht. Stattdessen bahnen sich gedrückte Stimmung, Anspannung und Gereiztheit an. Glücklicherweise gibt es eine Lösung, zumindest scheinbar: Wir trinken einfach etwas mehr und etwas öfter. Gesagt, getan. Und ohne es anfangs zu merken, trinken wir regelmässig und in immer grösseren Mengen. Das heizt wiederum die Gegenregulation an, und wir müssen wieder mehr trinken. Und so weiter und so fort.
Willkommen im Teufelskreis der Abhängigkeit.
Natürlich landen nicht alle in dieser Spirale, und nicht alle gleich schnell. Manche Menschen sprechen stärker auf die Wirkung von Alkohol an als andere. Wo genau die Grenze zwischen unbedenklichem und problematischem Konsum verläuft, beschreibe ich im Beitrag über die Grauzone.
Genuss mit offenen Augen
Glücklich sind diejenigen, die Alkohol gelegentlich und in moderaten Mengen geniessen können, ohne abhängig zu werden und ohne dass ihre Gesundheit und Lebensqualität darunter leiden. Ihnen sei das Glas Vino zum schönen Essen gegönnt. Man sollte sich aber bewusst sein: Alkohol ist nicht gesund. Nie, und zwar unabhängig von der Menge. Alkohol ist ein Zellgift, und die Liste der Organschäden, die er verursachen kann, ist lang. Wer ganz verzichtet, ist in jedem Fall auf der sichereren Seite.
Aber wir Menschen tun eben nicht nur Dinge, die gesund sind. Erdbeereis mit Schlagrahm esse ich ja auch nicht, um mich mit Antioxidantien und guten Fetten zu versorgen. Manchmal wollen wir einfach geniessen. Und das finde ich aus medizinischer Sicht in Ordnung, solange wir es nicht übertreiben.
Das gilt allerdings nur für Erwachsene und nicht für Schwangere. Kinder und Schwangere sollten ausnahmslos auf Alkohol verzichten. In diesem Punkt bin ich kategorisch und kann dir keine Relativierung anbieten. Warum, erkläre ich im Beitrag Alkohol in der Schwangerschaft.
In allen anderen Fällen ist es, solange niemand anderes dadurch beeinträchtigt wird, eine Frage des persönlichen Wohlbefindens. Und genau das ist das Stichwort. Wenn du trinkst, um gedrückte Stimmung, Anspannung, Ängste oder Selbstzweifel auszuschalten, wenn du Alkohol brauchst, um überhaupt positive Gefühle zu spüren, wenn dir die Kontrolle entgleitet oder du erste körperliche Folgen bemerkst, dann lohnt es sich, ehrlich darüber nachzudenken: Ist Alkohol vielleicht eher die Ursache deiner Probleme als der Schlüssel zur Lösung?
