Regina Esser • 15. Dezember 2024

Alkohol und Dopamin: Wie das Gehirn lernt, Alkohol zu wollen

Einblicke in das Belohnungssystem

Dopamin ist kein Glückshormon


Dopamin wird gern als Glückshormon bezeichnet. Das ist nicht ganz richtig, und der Unterschied ist entscheidend, wenn man verstehen will, warum wir trinken. Das schöne Gefühl beim ersten Schluck vermitteln vor allem Endorphine und andere Botenstoffe. Dopamin ist für etwas anderes zuständig: für das Wollen. Es erzeugt Vorfreude, Antrieb und das Gefühl „Das will ich, und zwar jetzt“.

In der Forschung spricht man von „Liking“ und „Wanting“, also vom Mögen und vom Wollen. Im Alltag gehören beide zusammen. Bei einer Sucht driften sie auseinander: Das Wollen wird immer stärker, während das Mögen nachlässt. Viele meiner Patientinnen beschreiben genau das: „Ich trinke nicht mal mehr gern. Aber ich kann nicht aufhören, es zu wollen.“

Welche Botenstoffe beim Trinken sonst noch mitmischen, erkläre ich im Beitrag Warum trinken wir Alkohol? Eine Frage der Chemie. Hier geht es um etwas anderes: darum, wie das Gehirn lernt, Alkohol zu wollen.


Wie das Gehirn lernt: Vorfreude statt Genuss

Dopamin ist ein Lernsignal. Beim ersten Mal wird es ausgeschüttet, wenn etwas besser ist als erwartet. Mit der Zeit passiert etwas Interessantes: Das Gehirn lernt, welche Signale die Belohnung ankündigen, und schüttet Dopamin schon bei diesen Signalen aus, also bevor die Belohnung überhaupt da ist.

Übertragen auf Alkohol heisst das: Irgendwann feuert das Belohnungssystem nicht mehr beim ersten Schluck, sondern schon beim Plopp des Korkens. Beim Blick auf die Weinkarte. Beim Heimkommen um 18 Uhr. Am Freitagabend. Beim Geräusch von Eiswürfeln im Glas. Diese Auslösereize, Fachleute sprechen von Cues, werden zu Startsignalen für das Verlangen.

Das ist der eigentliche Kern von „erlerntem Konsum“: Wir trinken nicht nur, weil Alkohol wirkt, sondern weil unser Gehirn gelernt hat, in bestimmten Situationen nach ihm zu verlangen. Und das oft, ohne dass wir es bewusst merken.


Was Alkohol im Belohnungssystem auslöst

Alkohol erhöht die Dopaminausschüttung im Belohnungszentrum des Gehirns, dem sogenannten Nucleus accumbens. Das ist beim Menschen mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen. Ein Teil dieser Wirkung läuft über einen Umweg: Alkohol setzt körpereigene Opioide (Endorphine) frei, und diese regen wiederum die Dopaminausschüttung an. Diesen Umweg nutzen Medikamente gegen das Verlangen, dazu gleich mehr.

Wie stark das Belohnungssystem auf Alkohol anspringt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche reagieren mit einer besonders heftigen Dopaminantwort. Für sie fühlt sich Alkohol stärker belohnend an, und sie neigen eher zum Rauschtrinken, also zu viel Alkohol in kurzer Zeit.


Wenn Lernen zur Falle wird: Craving

Trinken wir regelmässig, passt sich das Gehirn an: Die Dopaminrezeptoren werden weniger empfindlich. Alltägliche Freuden – ein Spaziergang, ein gutes Gespräch, ein schöner Sonnenuntergang – fühlen sich blasser an. Gleichzeitig reagiert das Gehirn auf alkoholbezogene Reize immer stärker. Die Welt wird grauer, nur das Glas leuchtet.

Aus dem Wollen wird Craving, ein drängendes, manchmal fast körperliches Verlangen. Und das Tückische: Die Erinnerung an die Auslösereize ist erstaunlich hartnäckig. Auch nach Monaten oder Jahren ohne Alkohol kann ein bestimmter Ort, ein Geruch oder eine Stimmung das Verlangen plötzlich wieder wecken. Das ist kein Zeichen von Willensschwäche, sondern Neurobiologie. Warum wir trotzdem so gern von Charakterschwäche sprechen, beschreibe ich im Beitrag Süchtig sind immer die anderen.


Medikamente gegen Craving: Naltrexon und Nalmefen

Für Menschen, die ihren Alkoholkonsum nicht mehr steuern können, gibt es Medikamente, die gezielt an diesem System ansetzen: Naltrexon und Nalmefen. Beide blockieren Opioidrezeptoren im Gehirn. Damit unterbrechen sie den Umweg über die Endorphine: Alkohol setzt weniger Dopamin frei, die Belohnung fällt schwächer aus, und das Verlangen lässt nach. Naltrexon wirkt vor allem am μ-Opioidrezeptor, Nalmefen hat ein etwas breiteres Wirkprofil an mehreren Opioidrezeptoren. Leider helfen sie nicht allen. In meiner Erfahrung profitieren vor allem Menschen, die wegen der belohnenden, euphorisierenden Wirkung trinken und zu Rauschtrinken neigen. Beim klassischen Entspannungstrinken, also wenn Alkohol vor allem Anspannung lösen soll, spielt wahrscheinlich der Botenstoff GABA die grössere Rolle. Bei diesen Menschen haben Naltrexon und Nalmefen oft keinen nennenswerten Effekt. Auch die Forschung unterscheidet inzwischen zwischen „Belohnungstrinkern“ und „Erleichterungstrinkern“ und findet Hinweise, dass diese Gruppen unterschiedlich auf Medikamente ansprechen.

Wichtig: Diese Medikamente gehören in ärztliche Hände und wirken am besten zusammen mit einer Beratung oder Therapie. Sie sind eine Unterstützung, keine Abkürzung.


Der Zusammenhang zwischen Alkohol und Depression

Wenn das Belohnungssystem abstumpft, sinkt das Grundniveau des Wohlbefindens. Freude fällt schwerer, der Antrieb fehlt. Das kann die Anfälligkeit für Depressionen und andere psychische Probleme erhöhen. Dieser Prozess verläuft schleichend und bleibt von den Betroffenen oft unbemerkt. Statt im Alkohol den Auslöser für die gedrückte Stimmung zu erkennen, bekämpfen viele ihre Niedergeschlagenheit ausgerechnet mit Alkohol. Ein Teufelskreis. Ähnlich läuft es beim Stress, das beschreibe ich in Entspannung aus dem Glas.

Die gute Nachricht: Was gelernt wurde, kann umgelernt werden

Das Belohnungssystem ist nicht auf ewig verstellt. Ohne Alkohol erholt sich die Empfindlichkeit der Rezeptoren, das braucht allerdings Zeit, oft Monate. In dieser Phase fühlt sich das Leben manchmal flach an, bevor die Farben zurückkommen. Durchhalten lohnt sich.

Und weil erlernter Konsum an Auslösereize gekoppelt ist, hilft es, genau dort anzusetzen: Welche Situationen, Zeiten und Orte sind bei dir mit Alkohol verknüpft? Neue Rituale für den Feierabend, ein alkoholfreier Drink im schönen Glas oder ein anderer Weg nach Hause können alte Verknüpfungen lockern. Ein Dry January ist eine gute Gelegenheit, das auszuprobieren.

[PLATZHALTER – optional: eine Beobachtung aus deiner Sprechstunde, z. B. welche Auslösereize Patientinnen am häufigsten nennen oder was ihnen beim Umlernen geholfen hat]


Quellen

  • Berridge, K. C., & Robinson, T. E. zu „Wanting“ und „Liking“ bzw. Incentive Sensitization
  • Schultz, W. zu Dopamin als Lernsignal (Reward Prediction Error)
  • Boileau, I. et al. (2003): PET-Studie zur Dopaminausschüttung nach Alkohol beim Menschen, Synapse
  • Koob, G. F., & Volkow, N. D. (2010): Neurocircuitry of Addiction, Neuropsychopharmacology
  • Mann, K. et al. (2018) zu Belohnungs- und Erleichterungstrinkern und Medikamentenansprechen



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