Regina Esser • 23. September 2026

Entspannung aus dem Glas - Hilft Alkohol bei Stress?

Ein ganz normaler Tag …


Morgens um 6 Uhr klingelt mein Wecker. Meistens wache ich schon vorher auf, meine innere Uhr ist fest auf diese Zeit programmiert. Zeitlich würde es reichen, erst um halb sieben aufzustehen. Aber diese halbe Stunde am Morgen ist mir heilig. Meine Ich-Zeit, wenn alle anderen noch schlafen und niemand etwas von mir will. In Ruhe Kaffee trinken, vielleicht schon mal ins Bad.

Die halbe Stunde vergeht schnell. Schon schallt es aus dem Kinderzimmer: „Mamiiii!“ Mein kleiner Sohn ist wach und verlangt nach seiner obligatorischen Tasse Kakao. Ich schalte in den Multitasking-Modus: Frühstück machen, mich anziehen, Znüni-Box füllen, die zweite Tasse Kakao servieren, den Sohn zum Zähneputzen motivieren, meine Sachen zusammensuchen, meinem Mann, der inzwischen auch aufgestanden ist, mit einem Kuss einen guten Morgen wünschen und ihm ein fertig angezogenes Kindergartenkind übergeben. Dann haste ich zum Bus.

Bei der Arbeit zeigt der Blick in die Agenda: voll verplant. Zwischen den Patiententerminen stapeln sich Meetings, mein Chef hat kurzfristig eine wichtige Sitzung einberufen. Die Mittagspause verbringe ich mit einem Sandwich vor dem PC. Herr Brunner und ein Arzt im Spital erwarten dringend meinen Rückruf. Dann kommt schon die nächste Patientin.

Gegen 17 Uhr werde ich nervös. Hoffentlich werde ich bald fertig und erwische den Zug. Der Hort schliesst um halb sieben, aber ich möchte meinen Sohn nicht so lange warten lassen. Das schlechte Gewissen der arbeitenden Mutter meldet sich. Vorher noch ein Sprint durch den Supermarkt, sonst bleibt die Küche kalt.

Beim Hort springt mir mein Sohn freudig entgegen. Zu Hause lasse ich ihm ein Bad ein und gehe in die Küche. „Mamiii! Ich möchte einen Apfel, aber geschnitten!“ – „Ja gleich, mein Schatz.“ – „Neein, jetzt! Du musst sofort kommen! Ich kann nicht warten!“ Oh my … und dabei habe ich „nur“ eins. Wie schaffen das andere Eltern mit zwei oder mehr?

Ich räume die Einkäufe in den Kühlschrank. In der Tür fällt mein Blick auf die halb volle Weinflasche vom Vortag. Nur ein Glas zum Runterkommen, denke ich. Es entspannt so schön. Ich kann es beim Kochen trinken. Da ist doch nichts dabei, das machen doch alle? Ich stelle mir vor, wie sich nach dem ersten Schluck diese wohlige Wärme ausbreitet und die Gedanken leichter werden. Aber eigentlich hatte ich mir gestern vorgenommen, heute mal nichts zu trinken. Eigentlich …


Warum ich die Flasche heute stehen lasse

Kennst du das? So sieht mein Arbeitstag realistisch aus. Nur die Weinflasche im Kühlschrank lasse ich inzwischen bewusst stehen. Das war nicht immer so. Früher habe ich der Versuchung, abends ein Glas zur Entspannung zu trinken, gerne nachgegeben.

Warum ich es heute nicht mehr tue? Ich würde gerne behaupten, weil ich eine gesundheitsbewusste, verantwortungsvolle Frau bin, die sich angesichts der Folgen bewusst gegen regelmässigen Konsum entscheidet. Ehrlicher ist: Mein Mann bekommt schon beim Anblick einer Weinflasche Migräne, und allein trinke ich auf Dauer nicht gern. Sicher spielt auch mit, dass ich mich beruflich intensiv mit dem Thema befasse. Und ich erlebe in meinem familiären Umfeld gerade hautnah, wie einer meiner liebsten Menschen an den Folgen seiner langjährigen Alkoholerkrankung leidet. Ich kann den Wein einfach nicht mehr bedenkenlos geniessen.


Mama braucht Wein? Das Feierabendglas als Stressbewältigung

Die Szene in meiner Küche ist kein Einzelfall. Sprüche wie „Mama braucht jetzt Wein“ finden sich auf Tassen, Geschirrtüchern und in unzähligen Memes. Man spricht inzwischen von der „Mommy Wine Culture“. Was witzig gemeint ist, verkauft eine Botschaft: Wer Familie, Job und Haushalt stemmt, hat sich das Glas am Abend verdient, und Alkohol ist das Mittel gegen die Überforderung. Das Problem dahinter, nämlich die ungleich verteilte Last, wird damit weggelächelt. Und ein Stressbewältigungsmuster, das auf Dauer mehr Stress erzeugt, wird zum sympathischen Lifestyle.


Stressfaktor Alkohol: Was im Körper passiert

Warum scheint Alkohol bei Stress zu helfen? Alkohol verstärkt im Gehirn die Wirkung von GABA, einem Botenstoff, der die Erregung der Nervenzellen dämpft. Wir fühlen uns ruhiger, die Gedanken werden leichter. Wie das genau funktioniert, erkläre ich im Beitrag Warum trinken wir Alkohol? Eine Frage der Chemie.

Das Tückische: Das Gefühl von Entspannung und der Zustand des Körpers sind zweierlei. Die Stressachse des Körpers wird durch Alkohol nicht beruhigt, sondern eher aktiviert. Und sobald der Alkoholspiegel sinkt, schlägt das Pendel zurück: Unruhe, Nervosität und ein unruhiger Schlaf in der zweiten Nachthälfte. Die Entspannung ist also geliehen, und am nächsten Tag zahlen wir sie mit Zinsen zurück.

Trinken wir regelmässig, passt sich das Gehirn an. Die GABA-Rezeptoren reagieren schwächer, das erregende Gegensystem wird hochgefahren. Trinken wir dann weniger oder gar nicht, fehlt die gewohnte Bremse: Wir sind nervös und gereizt. In schweren Fällen kann diese Übererregung des Nervensystems zu epileptischen Anfällen führen. Das betrifft vor allem Menschen, die bereits mit Entzugssymptomen reagieren. Warum ein Entzug deshalb ärztlich begleitet werden sollte, beschreibe ich im Beitrag zum Dry January.

Die Wirkung des Alkohols und sein Abbau, der dem Stoffwechsel viel abverlangt, setzen den Körper unter Dauerstress. Wir verlieren Widerstandskraft, sind chronisch gereizt und müde. Und oft reagieren wir auf genau diese Warnsignale mit noch mehr Alkohol. Ein Teufelskreis. Chronischer Stress, Burn-out und Alkohol sind eng miteinander verknüpft.


Die gute Nachricht: Das System erholt sich

Das angeschlagene Stresssystem kann sich erholen. Ohne Alkohol normalisiert sich die Stressregulation in der Regel wieder. Das braucht allerdings Zeit, da heisst es durchhalten und Geduld haben. Fast alle meine Patientinnen berichten, dass sie sich in Phasen völliger Abstinenz so gut fühlen wie lange nicht mehr.

Dazu passt ein Satz, den ich in einem Ratgeber über Alkohol gelesen habe: „Der Alkoholiker trinkt, damit er sich fühlt wie jemand, der nie trinkt.“ Das Wort „Alkoholiker“ mag ich nicht, warum, erkläre ich im Beitrag Alkohol – von Stigma und Vorurteilen. Dem Rest kann ich aber voll zustimmen.


Eine neue Strategie muss her

Ein Problem bleibt: Wenn du mit dem Trinken aufhörst, ist der Stress nicht auf einmal verschwunden. Du bist vielleicht weniger empfindlich, aber die Belastungen im Alltag werden nicht weniger. Du brauchst neue Wege, damit du in Stresssituationen nicht wieder ins alte Muster fällst.

Allgemeingültige Rezepte gibt es nicht. Wichtig ist nur, ein ungesundes Laster nicht durch ein neues zu ersetzen. Wer mit dem Trinken aufhört und dafür drei Päckchen Zigaretten am Tag raucht, hat wenig gewonnen.

Anregungen findest du bei meinen Entspannungsritualen: von einfachen Basics über die Kraft der fünf Sinne bis zu Ritualen für jede Jahreszeit. Und wenn es abends trotzdem ein Glas sein soll: Hier gibt es alkoholfreie Rezepte, die das Ritual behalten, aber den Alkohol weglassen.

Welche Strategien nutzt du, um Stress abzubauen? Was hilft dir im Alltag? Ich freue mich auf dein Feedback!