Regina Esser • 13. September 2026

Alkohol in der Schwangerschaft

Ein Gläschen wird man sich doch gönnen können?

Alkohol in der Schwangerschaft: Und was ist mit den Wochen davor?


Yep, ich gebe es zu. Ich bezeichne mich, nicht ohne einen gewissen Stolz, als Feministin. Ich bin für die Gleichberechtigung der Frau, gegen sexuelle Diskriminierung, für die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das Recht, sich für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden. Ich bin aber konsequent gegen das Recht auf Alkohol während der Schwangerschaft. Moment mal! Wie passt das denn zusammen? Wie kann ich hier die feministische Fahne schwingen und im gleichen Atemzug Schwangeren ihr Gläschen Prosecco verbieten wollen? Schwanger sein ist ja schon mühsam genug, da soll frau sich doch ab und zu etwas gönnen dürfen?


Das Problem ist: So sehr ich für das Recht auf Selbstbestimmung bin, lautet der übergeordnete Leitsatz für mein Leben doch: «Jede soll nach ihrer Fasson selig werden, solange sie niemand anderem damit schadet.» Und genau das ist der Punkt. Alkohol schadet dem ungeborenen Kind. Nicht erst ab einem Glas, sondern bereits ab dem ersten Schluck.



Was im Körper des Kindes passiert


Der von der Mutter aufgenommene Alkohol passiert Plazenta und Blut-Hirn-Schranke des Kindes ungehindert. Nach rund zwei Stunden ist die Blutalkoholkonzentration im Kind gleich hoch wie bei der Mutter – dessen Leber jedoch noch nicht funktionstüchtig ist. Das Kind kann den Alkohol also nicht abbauen und bleibt entsprechend länger seiner Wirkung ausgesetzt. Ein kleiner Schluck für die Mutter bedeutet für den Fötus einen regelrechten Rausch.


Alkohol ist ein Nervengift, und da sich das Nervensystem des Kindes noch in der Entwicklung befindet, reagiert es besonders empfindlich auf diese Belastung. Die dadurch verursachten Störungen werden unter dem Begriff **fetale Alkoholspektrumstörung (FASD)** zusammengefasst. Dazu gehört auch das vollständige **fetale Alkoholsyndrom (FAS)** mit Wachstumsstörungen, typischen Gesichtsmerkmalen, Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsdefiziten; treten ausschliesslich neurologische Schäden auf, spricht man von alkoholbedingten neurologischen Störungen (ARND). Diese Schäden bilden sich nicht zurück – Betroffene tragen sie ihr Leben lang, häufig mit Schwierigkeiten in Schule, Beruf und Alltag, insbesondere bei Impulskontrolle und dem Lernen aus Erfahrung. Viele sind lebenslang auf Unterstützung angewiesen.




Wie viel Alkohol schadet dem ungeborenen Kind?


Bisher konnte in keiner Studie eine untere Grenze ermittelt werden, ab der Alkoholkonsum in der Schwangerschaft risikofrei wäre – und es besteht auch keine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung, ab der das Ausmass der Schädigung vorhersagbar würde. Schon kleine Mengen können also zu schweren Folgeschäden führen. Die einzig verlässliche Empfehlung lautet deshalb: in der Schwangerschaft vollständig auf Alkohol verzichten.



Die Wochen, die man leicht übersieht


Was in dieser Diskussion oft zu kurz kommt: der Zeitraum, bevor eine Schwangerschaft überhaupt bestätigt ist. In einer aktuellen Befragung von Sucht Schweiz mit über 800 Schwangeren gab fast jede zweite Frau an, zwischen Empfängnis und bestätigter Schwangerschaft Alkohol getrunken zu haben (Sucht Schweiz, FASD Awareness Day 2026). Das ist keine Nachlässigkeit, sondern schlicht Mathematik: Ein Schwangerschaftstest zeigt frühestens nach der ausbleibenden Regelblutung ein zuverlässiges Ergebnis, oft vergehen bis zur Bestätigung mehrere Wochen – und genau in dieser Phase entwickeln sich die Grundstrukturen des kindlichen Nervensystems.


Für mich heisst das: Wer sich aktiv ein Kind wünscht oder ohne zuverlässige Verhütung sexuell aktiv ist, sollte den Alkoholverzicht schon vor der Empfängnis mitdenken – nicht erst ab dem positiven Test. Das ist keine zusätzliche Bürde, sondern schlicht die konsequente Fortsetzung dessen, was wir über die kritischen ersten Wochen der Embryonalentwicklung wissen.



Wo du dich weiter informieren kannst


Für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen bietet die kürzlich aktualisierte Schweizer Plattform Schwangerschaft ohne Alkohol verständliche, wissenschaftlich fundierte Informationen sowie Antworten auf häufige Fragen.

FASD Schweiz ist Kooperationspartner von Himmel-Blau und bietet weiterführende Informationen zu FASD, Beratung und Unterstützung. Ergänzend findest du Informationen bei FASD Deutschland e. V.

→ FASD Schweiz
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FASD Deutschland e. V.