Alkohol - der unsichtbare Nährstoffräuber
Geschichten aus dem Alltag
In der Praxis, in der ich arbeite, sind zwei Nahrungsergänzungsmittel mit B-Vitaminen der Renner. Ich gebe sie fast ausnahmslos jeder Patientin, die mir sagt, dass sie regelmässig Alkohol trinkt, oder bei der ich den Verdacht habe, dass sie es tut. Und wer gerade mit dem Trinken aufgehört hat, bekommt sie trotzdem.
Warum bin ich so pedantisch? Folgende Situation hat sich kürzlich in meiner Sprechstunde zugetragen. Ein älterer Herr klagt über zunehmende Schwierigkeiten beim Gehen. Er kann kaum noch das Gleichgewicht halten, berichtet über Taubheitsgefühle in Händen und Füssen. Vor allem im Dunkeln und beim Treppensteigen hat er Angst zu stürzen.
Auf meine Frage, ob er Alkohol trinkt, antwortet er: «Ja, aber nicht viel. Zwei, drei Gläser Rotwein am Abend. Selten mehr.» – «Jeden Abend?» – «Ja, mehr oder weniger.» – «Und wie lange schon?» – «Seit Jahren, das hat sich so eingependelt. Aber das ist doch nicht so schlimm, oder?»
Die weitere neurologische Abklärung bestätigte meinen Verdacht auf eine periphere Polyneuropathie, einen entzündliche Nervenerkrankung, in diesem Fall verursacht durch chronischen Alkoholkonsum. Mein Patient hatte bis dahin keine Ahnung, das seine Beschwerden eine direkte Folge seines abendlichen Rotweinkonsums waren.
Alkohol ist ein Nährstoffräuber
Neben den bekannten Risiken – Leberschäden, erhöhtes Krebsrisiko – hat regelmässiger Alkoholkonsum auch einen weniger sichtbaren, aber gut dokumentierten Effekt: Er greift in die Versorgung mit B-Vitaminen und essenziellen Mineralstoffen ein. Das passiert über drei Mechanismen gleichzeitig:
Der Abbau von Alkohol in der Leber verbraucht selbst grosse Mengen an Mikronährstoffen. Gleichzeitig reizt Alkohol die Magen- und Darmschleimhaut, wodurch die Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung erschwert wird. Und drittens wirkt Alkohol harntreibend, wodurch Mineralstoffe verstärkt über die Nieren ausgeschieden werden, bevor der Körper sie überhaupt verwerten kann. Betroffen sind vor allem **Vitamin B1, B6, B12 und Folsäure sowie Magnesium, Zink und Kalium**.
Vitamin B1 (Thiamin): der Klassiker mit den grössten Folgen
Ein Thiaminmangel ist die häufigste und am besten untersuchte Folge chronischen Alkoholkonsums – bis zu 80 Prozent der Frauen und Männer mit einer Alkoholabhängigkeit entwickeln ihn. Thiamin ist zentral für den Energiestoffwechsel und die Funktion des Nervensystems. Ein Mangel kann zu Koordinationsproblemen, Muskelschwäche und Gedächtnisstörungen führen. Die schwerste Form ist das **Wernicke-Korsakoff-Syndrom**, eine oft unterdiagnostizierte Komplikation mit erheblicher Sterblichkeit (1). Genau deshalb gehört Thiamin bei mir standardmässig zur Behandlung, sobald regelmässiger Konsum im Raum steht – nicht erst, wenn erste neurologische Symptome auftreten.
Vitamin B6, B12 und Folsäure: die Stimmungsmacher
Vitamin B6 (Pyridoxin) ist an der Synthese von Serotonin und Dopamin beteiligt – den Botenstoffen, die massgeblich unsere Stimmung regulieren. Alkohol reduziert nachweislich die Aufnahme und Verwertung von B6 im Körper.
Vitamin B12 (Cobalamin) wiederum ist essenziell für die Funktion peripherer Nerven; ein Mangel äussert sich klassisch durch Taubheitsgefühle, Kribbeln und Muskelschwäche – genau die Symptome, die auch bei meinem Patienten auftraten. Folsäure (Vitamin B9) ist zentral für Zellwachstum und Blutbildung; ein Mangel an B12 und/oder Folsäure kann zu einer Blutarmut mit Müdigkeit und Schwäche führen.
Zum Zusammenhang mit der Stimmung gibt es solide, aber auch differenziert zu lesende Evidenz: Die vielzitierte Rotterdam-Studie fand bei älteren Menschen mit niedrigem B12-Spiegel eine deutlich höhere Rate an depressiven Symptomen (2). Wichtig für die Einordnung: Diese Studie wurde an der Allgemeinbevölkerung durchgeführt, nicht spezifisch an Frauen mit Alkoholkonsum – sie zeigt also den allgemeinen Zusammenhang zwischen B12-Mangel und Stimmung, nicht direkt die Kausalkette Alkohol → B12-Mangel → Depression. Diese Kausalkette ist biologisch plausibel, weil Alkohol nachweislich zu B12-Mangel führen kann, aber eigenständig an Frauen mit Alkoholkonsum untersucht ist sie bislang seltener.
Magnesium, Zink und Kalium: die stillen Mitspielerinnen
Auch bei den Mineralstoffen ist die Datenlage konkreter, als es der Volksmund vermuten lässt. Alkohol senkt den Magnesiumspiegel über zwei gleichzeitig wirkende Mechanismen – vermehrte Ausscheidung über die Nieren und verminderte Aufnahme über den Darm –, und zwar bereits bei moderatem, nicht nur bei exzessivem Konsum. Ein Magnesiummangel äussert sich unter anderem in Muskelkrämpfen, Schlafstörungen und erhöhter Stressempfindlichkeit.
Ähnlich sieht es bei Zink aus: Schätzungsweise 30 bis 50 Prozent der Frauen und Männer mit Alkoholabhängigkeit sind von einem Zinkmangel betroffen – damit gilt er als eine der häufigsten Mangelerscheinungen bei alkoholbedingten Lebererkrankungen. Zink ist unter anderem für Zellteilung und Immunfunktion wichtig. Kalium wiederum geht bei starkem Konsum über Erbrechen, Durchfall oder schlicht mangelhafte Ernährung verloren; ein relevanter Kaliummangel betrifft nach Schätzungen fast die Hälfte der Menschen mit chronischem Alkoholkonsum.
Omega-3-Fettsäuren: die stille vierte Mitspielerin
Neben Vitaminen und Mineralstoffen gerät bei Alkohol noch ein weiterer Baustein aus dem Gleichgewicht, der in der Diskussion oft übergangen wird: der Omega-3-Stoffwechsel. Docosahexaensäure (DHA), die mengenmässig wichtigste Omega-3-Fettsäure im Gehirn, ist zentraler Baustein der Nervenzellmembranen und Ausgangsstoff für entzündungshemmende Botenstoffe.
Bei Frauen und Männern mit chronischem Alkoholkonsum zeigt sich eine gestörte Aufnahme von DHA ins Gehirn sowie ein niedrigerer DHA-Spiegel im Blut, besonders wenn zusätzlich eine Lebererkrankung vorliegt. Der Mechanismus ist gut nachvollziehbar: Alkohol fördert im Gehirn eine anhaltende Entzündungsreaktion über Botenstoffe wie Interleukin-6 und TNF-alpha, während DHA genau dieser Entzündung normalerweise entgegenwirkt – bei sinkendem DHA-Spiegel fehlt also ausgerechnet die körpereigene Gegenspielerin.
Für die Praxis heisst das: Wer regelmässig trinkt, sollte nicht nur an B-Vitamine denken, sondern auch an eine ausreichende Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren – über fetten Fisch, Algenöl oder ein Nahrungsergänzungsmittel. Die Forschung dazu ist jünger und weniger umfangreich als bei den B-Vitaminen, der Zusammenhang zwischen Alkohol, gestörtem Omega-3-Stoffwechsel und Nervensystem ist aber gut begründet und passt genau in das Bild, das sich bei meinem Patienten zeigte: mehrere Nährstoffachsen, die gleichzeitig unter Druck geraten.
Auswirkungen auf das Nervensystem
Das periphere Nervensystem – die Verbindung zwischen Gehirn und Körper – reagiert besonders empfindlich auf diese Nährstoffdefizite. Kribbeln, Taubheit und Schmerzen in Händen und Füssen, wie bei meinem Patienten, werden als periphere Neuropathie bezeichnet. Alkohol ist neben Diabetes die häufigste Ursache dafür.
Auch das zentrale Nervensystem bleibt nicht verschont: Regelmässiger Alkoholkonsum ist mit einer Verringerung des Hirnvolumens assoziiert, was Gedächtnisprobleme und kognitive Beeinträchtigungen begünstigen kann. Die Kombination aus reduzierter Hirnmasse und Nährstoffmangel – allen voran Thiamin – erhöht zusätzlich das Risiko für neurodegenerative Verläufe.
Wie viel ist zu viel?
Die Menge, ab der eine schädliche Wirkung eintritt, hängt von Körpergewicht und genetischer Veranlagung ab. Das BAG nennt als Richtwert für einen risikoarmen Konsum für Frauen maximal etwa 10 g Alkohol täglich, bei mindestens zwei alkoholfreien Tagen pro Woche.
Wichtig dabei: Die oben beschriebenen Mechanismen – gestörte Aufnahme, erhöhte Ausscheidung, hoher Verbrauch beim Abbau – wirken nicht erst ab einer bestimmten Promillegrenze, sondern proportional zur konsumierten Menge und vor allem zur Regelmässigkeit. Wer über Jahre hinweg täglich trinkt, auch in Mengen, die als «moderat» gelten, baut ein kumulatives Risiko für Nährstoffdefizite auf – genau das Muster, das bei meinem Patienten letztlich zur Polyneuropathie geführt hat.
Prävention und was ich meinen Patientinnen empfehle
Die langfristigen Folgen alkoholbedingter Nährstoffdefizite können weit über das Nervensystem hinausgehen und auch die psychische Gesundheit sowie die allgemeine Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Um dem vorzubeugen, empfehle ich:
Den Alkoholkonsum möglichst gering zu halten und regelmässiges tägliches Trinken zu vermeiden – die mindestens zwei - ich würde sogar sagen mindestens drei - alkoholfreien Tage sind kein bürokratisches Detail, sondern geben Leber und Nährstoffhaushalt Erholungszeit. Auf eine ausgewogene, an B-Vitaminen, Mineralstoffen und Omega-3-Fettsäuren reiche Ernährung zu achten. Und wer trotzdem regelmässig trinkt: ein Nahrungsergänzungsmittel mit B-Vitamin-Komplex einzunehmen, so wie ich es meinem Patienten seither verschreibe, und je nach Ernährungsgewohnheiten auch die Omega-3-Versorgung im Blick zu behalten – als Sicherheitsnetz, nicht als Freibrief.
Mehr darüber, wie Alkohol verschiedene Organe und Körperfunktionen beeinflusst, erfährst du hier: Alkohol & Körper.
Quellen
- Cook, C. C. & Thomson, A. D. (1997). *B Vitamin deficiency and neuropsychiatric syndromes in alcohol misuse.* Alcohol and Alcoholism. [pubmed.ncbi.nlm.nih.gov](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9719389/)
- Tiemeier, H. et al. (2002). *Vitamin B12, folate, and homocysteine in depression: the Rotterdam Study.* American Journal of Psychiatry. [psychiatryonline.org](https://psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/appi.ajp.159.12.2099)
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