Mit klarem Kopf durch die Weihnachtszeit
Strategien für einen bewussten Genuss und klare Entscheidungen
Der Dezember-Marathon
Kaum ein Monat ist so durchgetränkt wie der Dezember. Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Apéro beim Firmenessen, Prosecco beim Chlausabend mit den Freundinnen, Rotwein zum Festtagsbraten und zum Finale Champagner an Silvester. Alkohol gehört zur Weihnachtszeit wie Lametta an den Baum, so zumindest die gesellschaftliche Erwartung.
Für alle, die weniger oder gar nicht trinken wollen, wird die schönste Zeit des Jahres deshalb schnell zum Spiessrutenlauf. Dabei gibt es viele gute Gründe, die Festtage mit klarem Kopf zu erleben: besser schlafen, keinen Kater, echte Gespräche statt Smalltalk im Nebel. Oder einfach, weil du keine Lust darauf hast. Das reicht als Grund.
Vorher klären: Warum eigentlich?
Bevor die Festtagssaison losgeht, lohnt sich ein kurzer Moment mit dir selbst: Warum willst du weniger oder nichts trinken? Aus gesundheitlichen Gründen, um besser zu schlafen, weil du einfach keine Lust auf den Kater hast oder weil du gerade dabei bist, deinen Konsum grundsätzlich zu verändern? Eine klare innere Haltung ist das beste Fundament, um in geselliger Runde bei deiner Entscheidung zu bleiben.
Überleg dir auch, welche Situationen schwierig werden könnten. Der Onkel, der immer nachschenkt? Der Chef, der mit dir anstossen will? Wer vorbereitet ist, wird weniger überrumpelt.
„Bist du schwanger?“ – Die Fragen, die garantiert kommen
Wer an einer Weihnachtsfeier nicht trinkt, muss sich erklären. Das ist verrückt, wenn man darüber nachdenkt: Niemand fragt, warum du keine Zigarette rauchst. Aber beim Alkohol ist Verzicht erklärungsbedürftig. Als Frau bekommst du dabei eine Frage besonders oft gestellt: „Bist du etwa schwanger?“ Eine Frage, die niemanden etwas angeht und die für manche Frauen auch sehr schmerzhaft sein kann.
Die typischen Sprüche und mögliche Antworten:
- „Nur ein Glas, es ist doch Weihnachten!“ – „Nein danke, ich hab heute keine Lust auf Alkohol.“
- „Bist du schwanger?“ – „Nein. Ich trinke einfach nicht.“ Mehr musst du nicht sagen.
- „Du bist aber langweilig geworden.“ – „Warte ab, bis du mich um Mitternacht tanzen siehst.“
- „Hast du etwa ein Problem?“ – „Nein, ich hab eine Entscheidung getroffen.“
Du musst deine Entscheidung nicht rechtfertigen. Ein freundliches, klares „Nein danke“ reicht. Ausreden wie „Ich muss noch fahren“ oder „Ich nehme Antibiotika“ funktionieren zwar kurzfristig, aber sie vermitteln, dass man für Nicht-Trinken einen medizinischen oder praktischen Grund braucht. Ich finde: Der ehrlichste Satz ist auch der stärkste. „Ich trinke nicht, weil ich nicht will“ ist ein vollständiger Satz. Warum mir das so wichtig ist, erzähle ich im Beitrag Süchtig sind immer die anderen.
Das eigene Glas in der Hand
Ein gefülltes Glas in der Hand erspart dir viele Nachfragen und lässt dich trotzdem mitanstossen. Ein paar Ideen:
- Auf dem Weihnachtsmarkt: Alkoholfreier Punsch, heisser Apfelsaft mit Zimt oder ein Wintertee schmecken oft genauso gut wie Glühwein und wärmen genauso die Hände.
- Am Firmenessen: Frag die Organisation vorher, ob es eine festliche alkoholfreie Alternative gibt. Oft sind die Verantwortlichen dankbar für den Hinweis, denn du bist mit Sicherheit nicht die Einzige.
- An Familienfesten: Bring selbst etwas mit. Ein schön angerichteter Mocktail oder eine selbst gemachte Punschmischung ist ein Geschenk für alle, die nicht trinken, und das sind oft mehr, als man denkt. Rezeptideen findest du bei meinen alkoholfreien Drinks.
Ein Wort zu alkoholfreiem Wein, Sekt und Bier: Für viele sind sie eine gute Alternative. Wer aber eine Alkoholabhängigkeit hinter sich hat, sollte vorsichtig sein. Geschmack, Geruch, das Glas und das Ritual des Anstossens sind genau die Auslösereize, die das Gehirn mit Alkohol verknüpft hat, und können das Verlangen wieder wecken. Ausserdem enthalten manche „alkoholfreien“ Produkte noch geringe Mengen Alkohol. Wie solche Auslösereize wirken, erkläre ich in Erlernter Konsum.
Wenn du gerade auf dem Weg aus der Abhängigkeit bist
Für Menschen, die gerade aufgehört haben oder ihren Konsum mühsam in den Griff bekommen, sind die Festtage eine besonders heikle Zeit. Es gibt nicht nur mehr Trinkgelegenheiten, sondern oft auch mehr Stress, Familienkonflikte oder Einsamkeit. Ein paar Strategien, die helfen können:
- Plane deinen Ausstieg. Komm mit dem eigenen Auto oder kläre vorher, wie du nach Hause kommst. Dann kannst du jederzeit gehen.
- Geh früh, wenn die Stimmung kippt. Ab einem gewissen Pegel werden Gespräche ohnehin selten besser. Es ist völlig in Ordnung, sich zu verabschieden.
- Hab einen Verbündeten. Eine Person, die Bescheid weiss und die du anrufen oder der du schreiben kannst, wenn es schwierig wird.
- Hol dir Unterstützung. Wenn du merkst, dass es dir entgleitet, sprich mit deiner Ärztin oder einer Suchtberatung. Anonym und kostenlos geht das auch online über safezone.ch.
Und wenn es doch passiert: Ein Rückfall ist kein Scheitern und kein Grund, alles hinzuwerfen. Er ist ein Hinweis darauf, was du beim nächsten Mal anders machen kannst.
Was du gewinnst
Die Festtage mit klarem Kopf zu erleben, erfordert manchmal etwas Mut. Aber es lohnt sich:
- Du schläfst besser und wachst am Weihnachtsmorgen ausgeruht auf. Warum Alkohol den Schlaf stört, erkläre ich in Alkohol und Schlaf.
- Du erinnerst dich an die Gespräche, die Geschenke und die Gesichter.
- Du hast Zeit für anderes: Schlittschuhlaufen, Guetzli backen, ein Winterspaziergang am 25. Dezember, wenn alle anderen noch im Bett liegen.
- Du bist ein Vorbild, für deine Kinder, aber auch für die Freundin, die sich heimlich wünscht, auch mal Nein zu sagen.
Und wenn du nach den Festtagen merkst, dass dir die Pause gutgetan hat: Der Dry January steht schon vor der Tür.
Ich wünsche dir eine wunderschöne, klare Weihnachtszeit!
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