Regina Esser • 29. September 2026

Wein, Weib und die Boulevardpresse - Der Rotwein Mythos

Die Wein-Diät

Macht Rotwein schlank? Ist ein Glas am Abend gut fürs Herz? Die kurze Antwort lautet: nein. Die lange Antwort beginnt bei einer Frauenzeitschrift und endet bei Mäusen.


Die Wein-Diät

Im Frühling 2023 hat mich meine Schwester auf einen Beitrag der Zeitschrift InStyle aufmerksam gemacht, der damals auf Social Media die Runde machte. Das Heft richtet sich vor allem an junge Frauen und widmet sich am liebsten Beauty, Fashion und Lifestyle. Der erste Satz des Artikels lautete: «Mädels, holt die Weinflaschen raus! Eine Studie bestätigt jetzt, Weintrinken hilft beim Abnehmen!»

Wow. Ein offensichtlich seriös recherchierter Artikel zu einer der wichtigsten Fragen der emanzipierten Frau von heute: «Wie bleibe oder werde ich schlank?» Und dann auch noch von einem Mann geschrieben! Ich war sofort angefixt und wollte wissen, wie die «Wein-Diät» (O-Ton des Autors!) funktioniert. Doch schon ein paar Zeilen weiter liess ich den Korkenzieher enttäuscht wieder fallen. Der Autor war offenbar doch kein Wissenschaftsjournalist. Entweder hatte er die Studie nicht gelesen, oder er hatte sie nicht verstanden.


Worum ging es eigentlich?

Der InStyle-Beitrag stützte sich auf eine Mitteilung, die die Washington State University 2015 veröffentlicht hatte. Forschende der WSU hatten in einem Versuch an Mäusen gezeigt, dass Resveratrol weisse Fettzellen in sogenannte beige Fettzellen umwandeln kann. Weisses Fett speichert Energie, beiges Fett verbrennt sie zu Wärme.


Was ist Resveratrol?

Resveratrol gehört zu den Polyphenolen. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, denen im Labor antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften nachgewiesen wurden. Ob sie auch beim Menschen vor Krankheiten wie Krebs schützen, ist bis heute nicht belegt. Resveratrol steckt vor allem in roten Beeren und roten Trauben, und deshalb in kleinen Mengen auch im Rotwein.


Von Mäusen und Menschen

In der Studie bekamen zwei Gruppen von Mäusen eine fettreiche Kost. Eine der beiden Gruppen erhielt zusätzlich Resveratrol, und zwar in einer Dosis, die umgerechnet etwa 340 g Obst pro Tag beim Menschen entspricht. Die Resveratrol-Mäuse nahmen rund 40 % weniger an Gewicht zu als die Vergleichsgruppe.

Ja, aber Moment mal! Hat der InStyle-Schreiberling dann doch recht? Rotwein enthält Resveratrol, Resveratrol hilft Mäusen beim Schlankbleiben, also macht Rotwein uns Frauen schön und schlank!

Nicht ganz. In dieser Argumentation stecken gleich mehrere Denkfehler.

Erstens macht Resveratrol den Rotwein nicht gesund. Mit derselben Logik könnte man eine Suppe mit ein paar Knollenblätterpilzen für unbedenklich halten, weil Pilze ja reich an Ballaststoffen und B-Vitaminen sind. Das Resveratrol neutralisiert die Giftwirkung des Alkohols nicht.

Zweitens macht Alkohol dick und nicht dünn. Ein Gramm Alkohol liefert 7 kcal und damit fast so viel Energie wie Fett. Solange die Leber mit dem Abbau des Alkohols beschäftigt ist, fährt sie die Fettverbrennung herunter. Nebenbei sinkt auch die Hemmschwelle vor dem Kühlschrank. Da trinke ich doch lieber ein Glas Traubensaft und brate mir ein paar Champignons.

Drittens sind Menschen keine Mäuse. Was bei Mäusen funktioniert, lässt sich nicht einfach auf den Menschen übertragen. Dafür bräuchte es klinische Studien, und diese Belege fehlen bis heute. Es gibt deshalb auch keine Empfehlung, wie viel Resveratrol man nehmen müsste, damit die Pfunde purzeln.

Viertens stimmt die Dosis nicht. Manche Nahrungsergänzungsmittel enthalten bis zu 1 g Resveratrol. Rotwein enthält meist nur wenige Milligramm pro Liter. Um auf 1 g zu kommen, müsste man je nach Wein 100 bis mehrere hundert Liter trinken. Für eine Diät ist das ein bisschen viel.


Mein Fazit: «Mädels, lasst die Weinflaschen im Keller. Alkohol macht leider weiterhin dick. Sucht euch lieber eine gesündere Diät-Alternative.»


Und das Glas Rotwein fürs Herz?

Die Vorstellung, dass ein Glas am Abend das Herz schützt, stammt aus Beobachtungsstudien der 1990er-Jahre. Bekannt wurde sie unter dem Stichwort «French Paradox». Neuere Auswertungen zeigen, woher der vermeintliche Vorteil kommt. In der Gruppe der «Nichttrinker» landeten oft Menschen, die wegen einer Krankheit mit dem Trinken aufgehört hatten. Rechnet man diesen Effekt heraus, verschwindet der Schutz weitgehend. Die WHO hat 2023 klargestellt, dass es keine Menge Alkohol gibt, die für die Gesundheit unbedenklich ist. Für Frauen ist das besonders relevant, denn schon kleine Mengen erhöhen das Brustkrebsrisiko.


Warum sich aufregen?

Ein medizinisch schlecht recherchierter Artikel in einem Lifestyle-Magazin. Warum sich darüber aufregen, war mein erster Gedanke. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich. Anders als mein kleiner Blog hat die InStyle eine grosse Reichweite. Mit ihren Beiträgen prägt sie das Schönheitsideal und das Körperbild vieler junger Frauen.

Die Kommentare auf Social Media waren bis auf zwei Ausnahmen begeistert. Hurra, noch ein Grund mehr, täglich Rotwein zu trinken! Ein Mann, der die verharmlosende Darstellung kritisierte, bekam prompt zur Antwort, er solle nicht so «bierernst» sein. Die Leserinnen seien schliesslich erwachsen und wüssten den Beitrag mit Humor zu nehmen.

Ist das so? War der Artikel Satire? Habe ich bei Sätzen wie «Viele Ärzte raten sowieso dazu, abends ein Glas Rotwein zu trinken» und «Zudem soll Rotwein generell eine lebensverlängernde Wirkung haben»* die Ironie verpasst? Nein. Der Beitrag ist ein Paradebeispiel dafür, wie Halbwahrheiten die Folgen des Alkoholkonsums verharmlosen.

Alkohol als Lifestyle-Produkt mit Gesundheitsbonus zu verkaufen, ist nicht nur falsch. Es ist gefährlich. Die InStyle scheint damit kein Problem zu haben, denn der Folgebeitrag hiess bezeichnenderweise «Abnehmen mit Tequila». Sorry, liebe InStyle, das will ich lieber gar nicht wissen.

*Nein, das tun sie nicht. Und nein, die hat er nicht.


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