Prost Heldin! - Alkohol in Filmen und Serien
Serienabend mit Nebenwirkung
Netflix und ich, wir führen eine On-off-Beziehung. Wochenlang streame ich gar nichts, und dann finde ich plötzlich wieder eine Serie, deren Folgen ich am liebsten am Stück durchschauen möchte. Im Moment ist das „The Perfect Lie“, eine niederländische Serie nach dem Roman „De Eetclub“ von Saskia Noort.
Die Serie fasziniert mich, allerdings nicht so sehr wegen der Handlung. Zugegeben, spannend ist sie: Einer stirbt unter mysteriösen Umständen, alles ist nebulös, keiner weiss, wer mit wem, wie, was, wo … Nein, ich bin fasziniert, weil ich lange keine Serie mehr gesehen habe, in der so viel getrunken wird. Die Protagonisten wechseln quasi im Minutentakt vom Wein zum Lunch zum Champagner am Nachmittag, vom Cocktail am Abend und wieder zurück. Spätestens ab der zweiten Folge hatte ich das Gefühl, allein vom Zuschauen eine Alkoholvergiftung zu bekommen.
Und irgendwann wurde mir klar: Das ist kein Zufall, das ist ein Muster. Alkohol als Sinnbild für Luxus, ein sorgloses Leben und ausgelassene Lebensfreude.
Natürlich fällt mir nicht zum ersten Mal auf, wie häufig Filme und Serien auf Alkohol zurückgreifen. Die Kommissarin hatte einen schweren Tag? Da wird erst einmal eine Flasche Wein entkorkt, beim männlichen Helden landen wir direkt beim Whisky. Zwei Menschen kommen sich näher? Das geht natürlich nicht ohne die obligatorische Flasche Rotwein beim ersten Date.
Und in Büchern ist es nicht anders. Kürzlich habe ich einen Roman meiner absoluten Lieblingsautorin gelesen. Ihren Namen verrate ich nicht, ich möchte sie nicht blossstellen, denn ihre Bücher sind wirklich toll. Aber in diesem gab es eine Szene, bei der ich ernsthaft überlegt habe, ihr aus der Sicht einer Suchtmedizinerin einen Tipp zu geben.
Ein Mann und eine Frau verbringen einen Abend zusammen. Noch sind sie kein Paar, das kommt wahrscheinlich erst im nächsten Band. Die Autorin wollte zeigen, wie zwischen den beiden sofort eine tiefe Nähe entsteht. Aus einem kurzen Besuch wird ein Gespräch, das die ganze Nacht andauert. Mit vier Flaschen Rotwein. Vier Flaschen Rotwein zu zweit!
Ich möchte mir nicht vorstellen, welches Bild ich nach zwei Flaschen Rotwein intus abgeben würde. Für ein tiefsinniges Gespräch bis in die Morgenstunden würde es jedenfalls definitiv nicht mehr reichen.
Kurz nachgerechnet
Die Ärztin in mir konnte es nicht lassen. Eine Flasche Rotwein enthält rund 75 Gramm reinen Alkohol. Zwei Flaschen pro Person sind also etwa 150 Gramm, das entspricht 12 bis 15 Standardgläsern. Eine durchschnittlich schwere Frau würde damit im Laufe der Nacht auf Werte weit über 2 Promille kommen. In diesem Bereich lallt man, schwankt und verliert den Faden, und ab etwa 3 Promille wird es lebensgefährlich. Das ist keine Kulisse für tiefe Gespräche, sondern eher ein Fall für die Notaufnahme. Woran man eine Alkoholvergiftung erkennt, beschreibe ich in Katerstimmung und Katzenjammer.
Kein Einzelfall: Alkohol läuft fast immer mit
Mein Eindruck ist nicht nur ein Gefühl, er ist sogar gezählt worden. Forschende in Grossbritannien haben 50 Folgen der fünf bestbewerteten Netflix- und Amazon-Serien Minute für Minute ausgewertet. Ergebnis: In 47 der 50 Folgen, also in 94 Prozent, kam Alkohol vor.¹ In den Streaming-Serien war Alkohol sogar häufiger zu sehen als im klassischen Abendprogramm des britischen Fernsehens.
Bei Spielfilmen sieht es ähnlich aus. In einer Folgestudie mit Filmen von Netflix und Amazon war in über 40 Prozent aller ausgewerteten Filmabschnitte Alkohol im Bild, unabhängig davon, ob der Film für Erwachsene oder für Jugendliche freigegeben war.²
Das Drehbuch trinkt mit: die typischen Muster
Wer einmal darauf achtet, erkennt immer wieder dieselben Szenen:
- Der harte Tag: Die Heldin kommt nach Hause, lässt die Tasche fallen und greift zum Glas. Ein Schluck, ein Seufzer, und alle wissen: Der Tag war schlimm. Alkohol ist hier die Kurzform für Erschöpfung und Stressabbau.
- Die Annäherung: Zwei Menschen, eine Flasche Wein, ein langer Abend. Alkohol als Beschleuniger für Nähe, Offenheit und Sex.
- Krise und Trauer: Der Whisky nach der Todesnachricht, das Glas nach dem Streit. Alkohol als Trostspender.
- Feiern und Erfolg: Kein Happy End, keine Beförderung und keine Hochzeit ohne Champagner.
- Der Lebensstil: Wein als Statussymbol, als Zeichen für Wohlstand, Genuss und Kultiviertheit. So wie im Dinner-Club von „The Perfect Lie“.
Für Drehbuchautorinnen ist das praktisch. Ein Glas erklärt eine Stimmung schneller als jeder Dialog. Aber jede dieser Szenen erzählt uns auch, wofür Alkohol angeblich gut ist: zum Entspannen, zum Trösten, zum Verbinden, zum Feiern. Und genau diese Botschaften höre ich später in meiner Sprechstunde wieder, in den Sätzen meiner Patientinnen.
Die Heldin und ihr Weinglas
Besonders auffällig ist das bei Frauenfiguren. Bridget Jones zählt in ihrem Tagebuch die Alkoholeinheiten und greift trotzdem immer wieder zum Chardonnay. Carrie und ihre Freundinnen in „Sex and the City“ haben den Cosmopolitan zum Kultgetränk gemacht. Olivia Pope, die toughe Krisenmanagerin aus „Scandal“, beendet ihre Tage gern mit einem riesigen Glas Rotwein auf dem Sofa. Und in „Big Little Lies“ ist das Weinglas praktisch fester Bestandteil jeder Szene.
Diese Frauen sind stark, erfolgreich, witzig und sympathisch. Das Weinglas gehört zu ihrem Charme. Es steht für Unabhängigkeit, für verdiente Auszeit, für Freundinnenabende. Dazu kommt die „Wine Mom“, die überforderte Mutter, die sich mit Humor und Wein durch den Familienalltag rettet. Was in Komödien witzig ist, beschreibe ich im echten
Leben in Entspannung aus dem Glas.
Wer nicht trinkt, braucht eine Erklärung
Ein Muster fällt mir besonders auf: Wenn eine Frau in einer Serie ein Glas ablehnt, wissen wir sofort, dass etwas im Busch ist. Entweder ist sie schwanger, und das ist der nächste Plot-Twist, oder sie ist eine „trockene Alkoholikerin“ mit dunkler Vergangenheit. Dass jemand einfach keine Lust auf Alkohol hat, kommt so gut wie nie vor.
Das ist mehr als ein Drehbuch-Klischee. Genau das erleben Frauen auch im echten Leben: Wer nicht mittrinkt, muss sich erklären, und die erste Frage lautet oft „Bist du schwanger?“. Wie man darauf antworten kann, steht in Weihnachten ohne Alkohol.
Was die Drehbücher weglassen
Alkohol wirkt in Filmen und Serien fast immer, aber er hat selten Folgen. Die Heldin trinkt am Abend eine halbe Flasche Wein und steht am nächsten Morgen frisch und strahlend auf. Kein Kopfweh, keine Unruhe um drei Uhr nachts, keine Scham am Morgen danach, keine Augenringe.
Und wenn Alkohol doch zum Problem wird, dann meist nur im Extrem: der totale Absturz, der Kontrollverlust, der Entzug im Krankenhaus. Die leise Grauzone dazwischen, das Glas, das jeden Abend selbstverständlicher wird, zeigt kaum eine Serie. Dabei befinden sich genau dort die meisten Frauen, die in meine Sprechstunde kommen. Mehr dazu in In der Grauzone und in Trinke ich zu viel?.
Manchmal ist es einfach Werbung
Nicht jede Flasche im Bild ist ein künstlerischer Einfall. Getränkekonzerne bezahlen dafür, dass ihre Marken in Filmen und Serien auftauchen. Das bekannteste Beispiel ist James Bond: Der Agent, der seinen Martini „geschüttelt, nicht gerührt“ bestellt, trank in „Skyfall“ plötzlich Heineken, weil die Brauerei für diese Platzierung einen Millionenbetrag bezahlt hatte.
Product Placement ist für die Alkoholindustrie besonders attraktiv, weil es nicht wie Werbung wirkt. Wir sehen keine Anzeige, sondern eine Figur, die wir mögen, in einer Situation, mit der wir mitfühlen. Wie Alkohol gezielt an Frauen vermarktet wird, schaue ich mir in einem der nächsten Beiträge genauer an.
Was das mit uns macht
Bilder prägen, was wir für normal halten. Wenn jede Heldin nach einem schweren Tag trinkt, wirkt das Glas am Abend wie die natürliche Reaktion auf Stress. Wenn jede Annäherung bei Wein stattfindet, scheint Nähe ohne Alkohol schwieriger. Wir lernen diese Verknüpfungen, ohne es zu merken.
Die Forschung zeigt, dass das keine harmlose Unterhaltung ist. Jugendliche, die in Filmen viel Alkohol sehen, beginnen früher zu trinken und trinken häufiger in riskanten Mengen.³ ⁴ In einem Experiment tranken junge Erwachsene, die einen Film mit vielen Trinkszenen schauten, währenddessen selbst mehr Alkohol als eine Vergleichsgruppe.⁵
Für Menschen, die mit dem Trinken aufgehört haben, kommt noch etwas hinzu: Bilder können als Auslösereize wirken. Das Entkorken, das Einschenken, das Anstossen, all das kann das Verlangen wecken, auch vor dem Bildschirm. Warum das so ist, erkläre ich in Erlernter Konsum.
Es geht auch anders
Es gibt Filme und Serien, die Alkohol ehrlicher zeigen. In „Smashed“ (2012) kämpft eine junge Lehrerin, die ihr Trinken lange für normal hält, um ihre Nüchternheit. Die Sitcom „Mom“ erzählt mit viel Humor und ohne Schönfärberei von Mutter und Tochter, die beide gegen ihre Sucht ankämpfen. Und der dänische Oscar-Gewinner „Der Rausch“ (2020) zeigt vier Lehrer, die ein Experiment mit ständigem Alkoholpegel wagen. Ein Film, der Alkohol gleichzeitig feiert und seine Abgründe zeigt und damit wunderbar zum Diskutieren einlädt.
Mit offenen Augen schauen
Ich werde „The Perfect Lie“ trotzdem zu Ende schauen, schliesslich will ich wissen, wer es war. Und ich werde auch weiterhin die Bücher meiner Lieblingsautorin lesen. Filme und Serien dürfen unterhalten, übertreiben und Klischees bedienen.
Aber ich schaue inzwischen anders hin. Und das möchte ich dir mitgeben: Achte beim nächsten Serienabend einmal darauf, wie oft getrunken wird. Wann greifen die Figuren zum Glas? Was soll uns die Szene erzählen? Und wie oft wirkt Alkohol, ohne dass er Folgen hat? Du wirst überrascht sein.
Und vielleicht fällt dir dabei auch auf, was in deinem eigenen Glas steht, während du zuschaust.
Quellen
¹ Barker, A. B. et al. (2019): Quantifying tobacco and alcohol imagery in Netflix and Amazon Prime instant video original programming accessed from the UK: a content analysis. BMJ Open. PMC6398653
² Alfayad, K. et al. (2021): Content analysis of Netflix and Amazon Prime Instant Video original films in the UK for alcohol, tobacco and junk food imagery. Journal of Public Health. PubMed 33675356
³ Sargent, J. D. et al. (2006): Alcohol use in motion pictures and its relation with early-onset teen drinking. Journal of Studies on Alcohol.
⁴ Waylen, A. et al. (2015): Alcohol use in films and adolescent alcohol use. Pediatrics.
⁵ Engels, R. C. M. E. et al. (2009): Alcohol portrayal on television affects actual drinking behaviour. Alcohol and Alcoholism. [prüfen, Link ergänzen]
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