Regina Esser • 18. Oktober 2026

Alkohol ist Teil unserer Kultur? - Drei Länder, drei Gläser

"Drink doch eine mit ..."


In unserer trinkfreudigen Gesellschaft greifen wir meist zu zwei Argumenten, um unser Gewissen zu beruhigen und den unbekümmerten Umgang mit Alkohol zu rechtfertigen. Das erste verspricht einen gesundheitlichen Vorteil durch moderaten Konsum. Es steht allerdings auf ziemlich wackligen Füßen: Der aktuelle medizinische Konsens lautet, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt – von einem gesundheitlichen Nutzen ganz zu schweigen. Zudem liegen wir mit dem aktuellen Pro-Kopf-Konsum ohnehin deutlich über dem, was man noch als moderat bezeichnen könnte. Vergessen wir dieses Argument also.

Wenden wir uns lieber dem zweiten zu. Dem Totschlagargument, gegen das keine seriöse Medizinerin ankommt: Alkohol ist Teil unserer Kultur. Nicht zu trinken bedeutet demnach Identitätsverweigerung – ach, was rede ich: Identitätsverlust! Meine

Lieblingsargumentation. Wir haben es schon immer so gemacht, also machen wir es weiter so. Diskussion beendet. Vor diesem Hintergrund sind wir ja froh, dass Frauen mittlerweile das Wahlrecht haben und keine Hexen mehr verbrannt werden.


Aber stimmt das überhaupt? War Alkohol schon immer ein fester Bestandteil unseres Lebens? Hat sich die Trinkmenge im Laufe der Zeit verändert? Trinken Frauen anders als Männer? Und wie sieht das Verhältnis zum Alkohol bei unseren europäischen Nachbarn aus? Die Herbstferien waren die perfekte Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen. Drei Länder in zwei Wochen: Die Reise von Zürich nach Köln und zurück sowie die anschließenden Familienferien auf Sizilien gaben mir die Gelegenheit, die verschiedenen Trinkkulturen unter die Lupe zu nehmen.


Köln: Kölsch, Karneval und ein Land im Brennglas

Beginnen wir mit meiner alten Heimatstadt. Ich bin, wenn man so will, eine rheinische Frohnatur: Ich wurde in Köln geboren und habe dort ersten zwanzig Jahre meines Lebens verbracht. Die Rheinmetropole ist weit über ihre Grenzen hinaus vor allem für zwei Dinge bekannt: Karneval und Kölsch. Die Rheinländer sind ausgesprochen gesellig und feierfreudig, und wo gefeiert wird, fließt in der Regel auch der Alkohol. Wer einmal Karneval in Köln gefeiert hat – also an Weiberfastnacht um 11:11 Uhr auf dem Alter Markt begonnen, später in einer engen, vollkommen überfüllten Altstadtkneipe bis tief in die Nacht kölsche Lieder mitgegrölt oder sich bei gemütlichen fünf Grad und Regen den Rosenmontagszug angeschaut hat weiß, dass sich das nüchtern kaum ertragen lässt. Mit der richtigen Menge Alkohol – in der Regel Kölsch, dem obergärigen Bier, für das die Stadt berühmt ist – wird daraus jedoch ein Highlight, auf das sich nicht nur die Kölner ein ganzes Jahr lang im Voraus freuen. In den jecken Tagen platzt die Stadt aus allen Nähten.


Köln ist dabei kein Ausreißer, sondern Deutschland im Brennglas. Laut Jahrbuch Sucht 2026 trank jede Person ab 15 Jahren im Jahr 2024 durchschnittlich elf Liter reinen Alkohol – mehr als der europäische Durchschnitt. Rechnerisch sind das rund 24 Gramm pro Tag, also gut zwei Gläser , für jede und jeden, die Abstinenten eingerechnet. Getrunken wird vor allem Bier: 88 Liter pro Kopf , dazu 19 Liter Wein, 5 Liter Spirituosen und gut 3 Liter Sekt. Auch der Rausch gehört dazu. 9,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren gaben an, sich im vergangenen Monat mindestens einmal einen Rausch angetrunken zu haben. 8,6 Millionen trinken in gesundheitlich riskanten Mengen. Das Bundesgesundheitsministerium selbst spricht von einer weitgehend unkritischen Einstellung der Gesellschaft zum Alkohol. Die Politik tut wenig dagegen: Deutschland hat eine der am wenigsten restriktiven Alkoholgesetzgebungen Europas, eine Weinsteuer gibt es nicht, die Biersteuer ist minimal, und an der Tankstelle gibt es Nachschub rund um die Uhr. Bier , Wein und Spirituosen sind in Europa nur in Italien billiger .


Haben wir es wirklich schon immer so gemacht?

Jein. Getrunken wurde in Deutschland schon immer . Die Mengen, die wir heute für normal halten, sind aber ein erstaunlich junges Phänomen. Nach dem Krieg stieg der Konsum mit dem wachsenden Wohlstand steil an und erreichte in der Bundesrepublik um 1980 mit 12,9 Litern reinen Alkohols pro Kopf seinen Höhepunkt. In der DDR sah es nicht besser aus: Sie lag Ende der 1980er-Jahre beim Pro-Kopf-Verbrauch weltweit an der Spitze. Unsere vermeintlich uralte Trinktradition ist in ihrer heutigen Form also ungefähr so alt wie die Babyboomer – ein Kind des Wirtschaftswunders. Seitdem geht es abwärts, aber im Schneckentempo: 2010 waren es noch 12,2 Liter , 2024 elf Liter. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen spricht von einer Stagnation auf zu hohem Niveau. Der Preis dafür ist hoch: 2024 starben 14.400 Menschen an direkt alkoholbedingten Erkrankungen. Rechnet man die Krankheiten mit ein, bei denen Alkohol mitverursachend ist, schätzt die DHS rund 44.000 Todesfälle pro Jahr. Immerhin ein Lichtblick: Die Zahl der Krankenhausbehandlungen wegen rein alkoholbedingter Diagnosen ist innerhalb von zehn Jahren um 29 Prozent gesunken, vor allem weil immer weniger Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert werden.


Und wie sieht es in der Schweiz aus?

Ich weiß noch, wie ich vor über zwanzig Jahren in die Schweiz kam. Drei Dinge haben mich sofort beeindruckt: die unglaubliche Schönheit der Landschaft, die ausgesprochene Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen – und die für mich damals horrenden Preise für Lebensmittel und Alkohol. Verglichen mit Deutschland zahlt man in der Schweiz

für ein Glas Wein im Restaurant das Doppelte und bekommt nur die Hälfte. Anfangs fand ich das gewöhnungsbedürftig. Mittlerweile schätze ich es, denn es schafft einen begrenzenden Rahmen.

Ob es am Preis liegt, lässt sich nicht beweisen. Höhere Preise gehören aber zu den am besten belegten Mitteln, um den Alkoholkonsum einer Bevölkerung zu senken. Und tatsächlich trinkt die Schweiz deutlich weniger als Deutschland: 7,6 Liter reinen Alkohol pro Kopf im Jahr 2024. Dabei verlief die Entwicklung lange ähnlich wie im großen Nachbarland. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Konsum erheblich an, vor allem weil Männer mehr Bier tranken, und erreichte 1973 mit 11,4 Litern seinen Höchststand. Bis Ende der 1980er-Jahre blieb er bei rund elf Litern, seit 2001 sinkt er stetig, vor allem weil weniger Wein getrunken wird. Denn anders als in Deutschland ist hier der Wein das Lieblingsgetränk: 49 Prozent der Bevölkerung trinken mindestens einmal pro Woche Wein, 38 Prozent Bier. Rund 85 Prozent der Menschen ab 15 Jahren trinken zumindest gelegentlich.

Spannend ist der Röstigraben: In der Deutschschweiz trinken laut Suchtmonitoring 7,8 Prozent täglich Alkohol, in der Romandie 14,4 und im Tessin 17,9 Prozent. Je lateinischer, desto mediterraner das Trinkmuster. Die Schweiz trinkt außerdem in zwei sehr unterschiedlichen Mustern, je nach Alter. Das tägliche Glas ist Sache der Älteren: Bei Männern ab 75 Jahren trinken über 36 Prozent täglich, bei Frauen dieser Altersgruppe gut 15 Prozent. Der Rausch ist Sache der Jungen: Bei den 20- bis 24-jährigen Männern trinken 35 Prozent mindestens einmal im Monat episodisch zu viel. Grund zur Selbstzufriedenheit gibt es also nicht. Auch 7,6 Liter entsprechen rechnerisch noch rund 16 Gramm reinem Alkohol pro Tag und Person. Schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Menschen in der Schweiz sind alkoholabhängig, und 2017 war Alkohol für 1553 Todesfälle bei den 15- bis 74-Jährigen verantwortlich – acht Prozent aller Todesfälle in dieser Altersgruppe.


Wie trinkt man in Italien?

Mein Mann ist Italiener. Schon allein deshalb verbringen wir mindestens einmal im Jahr unseren Urlaub in Bella Italia. Der Italiener betrinkt sich nicht, so heißt es. Und mein Mann entspricht diesem Klischee haargenau: Ich habe ihn ein einziges Mal ein bisschen beschwipst erlebt – das war bei unserem zweiten Date. Die italienische Nationalmannschaft hatte Deutschland im EM Halbfinale vernichtend geschlagen. Fussballfieber und Liebe, da hat er sich einmal gehen lassen. Ansonsten hält er sehr moderat. Ein schönes Glas Wein zu einem besonderen Essen lehnt er nicht ab. Aber selbst dann verzichtet er, wenn das bedeuten würde, mit Bus oder Bahn nach Hause fahren zu müssen. Er hasst öffentliche Verkehrsmittel und bleibt deshalb lieber nüchtern. Ausserdem gäbe es für ihn nichts Schlimmeres, als betrunken in der Öffentlichkeit aufzufallen. Sein Auftreten und Erscheinungsbild sind im sehr wichtig. Das zeigt sich auch daran, dass sein Kleiderschrank doppelt so gross ist wie meiner, von seiner Schuhkollektion wollen wir erst gar nicht anfangen.

Das Klischee hat also einen wahren Kern. In Italien gilt Betrunkensein in der Öffentlichkeit als peinlich, es verletzt die «bella figura», das gute Bild, das man abgibt. Rausch wird allenfalls Jugendlichen nachgesehen, und auch dann nur gelegentlich – im Erwachsenenalter ist er tabu. Wein wird traditionell als Teil der Mahlzeit verstanden, nicht als Mittel zum Zweck. Kinder dürfen am Familientisch probieren und lernen dabei vor allem eines: das Maß.


Vom Spitzenreiter zum Vorbild

Nun könnte man meinen, die Italiener hätten schon immer wenig getrunken. Das Gegenteil ist der Fall. 1970 lag der Konsum bei 19,7 Litern reinem Alkohol pro Kopf – fast doppelt so viel, wie die Deutschen heute trinken. Seither ist er um rund zwei Drittel gesunken; das Istituto Superiore di Sanità nennt aktuell gut 7,6 Liter. Kein anderes der drei Länder hat so radikal reduziert. Das Bemerkenswerte daran: Kaum etwas davon war politisch gewollt. Die Forschung im Rahmen des EU-Projekts AMPHORA kommt zu dem Schluss, dass 60 bis 90 Prozent der Veränderungen auf den gesellschaftlichen Wandel zurückgehen. Italien wurde vom Agrarland zur Industrienation. Für Landarbeiter war Wein jahrhundertelang eine Kalorienquelle, eine Art flüssiges Brot. Mit der Abwanderung in die Städte änderten sich Arbeitszeiten und Essgewohnheiten: kürzere Mittagspausen, Kantine statt Familientisch, und Frauen gingen zunehmend arbeiten, wodurch die traditionelle lange Mahlzeit mit Wein an Bedeutung verlor. Hinzu kamen ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein und ein Schock: 1986 starben in Italien Menschen an Wein, der mit Methanol gepanscht worden war. Der Skandal löste eine Qualitätsrevolution aus – weniger , dafür besserer und teurerer Wein. Was sich dagegen kaum verändert hat, sind die Normen. Die Haltung gegenüber Betrunkenheit, die ungeschriebenen Regeln und das Lernen am Familientisch blieben im Kern gleich. Die Italiener mussten Mäßigung also nicht erst lernen. Sie haben nur auf gehört, täglich große Mengen zu trinken.


Was die Leber erzählt

Und hier wird es für mich als Medizinerin spannend. Denn auch ohne Rausch hat das tägliche viele Trinken Spuren hinterlassen. Mit dem Rückgang des Konsums sanken in Italien die Todesfälle durch Leberzirrhose und Leberkrebs deutlich, ebenso alle großen alkoholbedingten Krebsarten – einschließlich Brustkrebs. In Mittel- und Nordeuropa zeigt sich dieser günstige Trend nicht. Italien liefert damit einen der überzeugendsten Belege dafür, dass weniger Alkohol in einer Bevölkerung messbar weniger Krankheit bedeutet.

Wer daraus schließt, mediterranes Trinken sei gesund, irrt allerdings: Auch heute sterben in Italien täglich 48 Menschen an den Folgen von Alkohol, mehr als 17.000 pro Jahr .


Das Glas am Tisch wird zur Happy Hour

Und die vorbildliche Trinkkultur bröckelt. «Wir haben das Glas am Tisch durch die Happy Hour ersetzt», fasst Emanuele

Scafato vom Istituto Superiore di Sanità zusammen. Inzwischen trinkt ein Drittel der Bevölkerung auch außerhalb der Mahlzeiten, der gelegentliche Konsum nimmt zu – vor allem bei Frauen. 14,5 Prozent der jungen Erwachsenen trinken sich regelmäßig in den Rausch, bei jungen Männern sind es 19 Prozent. Insgesamt gelten rund acht Millionen Italienerinnen und Italiener als Risikokonsumierende. Ausgerechnet das Land, das Europa vorgemacht hat, wie man weniger trinkt, übernimmt nun die Trinkmuster des Nordens.


Trinken Frauen anders?

Kommen wir zu einer Frage, die mir besonders am Herzen liegt. Die Statistik der letzten fünfzig Jahre erzählt eine Erfolgsgeschichte – aber vor allem eine männliche. Für die Schweiz haben Forschende den Konsum nach Geschlecht über das 20. Jahrhundert rekonstruiert. Ihr Befund: Der Rückgang seit den 1970er-Jahren geht höchstwahrscheinlich allein auf die Männer zurück. Für einen sinkenden Konsum bei Frauen fanden sie keinen Hinweis. Heute trinken in der Schweiz 10,7 Prozent der Frauen mindestens einmal im Monat episodisch zu viel. In Italien steigt der gelegentliche Konsum ebenfalls vor allem bei Frauen, und rund 2,5 Millionen Italienerinnen gelten als Risikokonsumentinnen. Gleichzeitig wird trinkenden Frauen weniger verziehen. Eine italienische Studie mit 80 jungen Frauen zwischen 18 und 28 Jahren zeigt eine deutliche Doppelmoral: Frauen, die mehr als moderat trinken, werden abgewertet und als promiskuitiv , unintelligent oder

unweiblich abgestempelt. Die «bella figura» gilt für Frauen also strenger als für Männer . Schützt dieses Stigma Frauen vor dem Trinken? Oder treibt es sie eher ins Verborgene, ins heimliche Glas am Abend, über das niemand spricht? Die Studienlage gibt darauf keine eindeutige Antwort.


Ist Alkohol also Teil unserer Kultur?

Natürlich. Aber Kultur ist nichts Starres, und ganz sicher ist sie keine Literzahl. Die Mengen, die man in Deutschland für «schon immer so» hält, ist gerade einmal zwei Generationen alt. Und Italien hat seinen Alkoholkonsum innerhalb einer Generation um zwei Drittel gesenkt, ohne seine Identität zu verlieren. Niemand würde behaupten, die Italiener hätten ihre Kultur auf gegeben. Sie trinken immer noch Wein zum Essen, sie feiern, sie genießen. Sie trinken nur deutlich weniger – und ihre Lebern danken es ihnen. Das Kulturargument fällt damit in sich zusammen. Bleibt die unbequeme Erkenntnis, dass Italiens Rückgang ein Nebenprodukt der Modernisierung war, kein Plan. Die Schweiz und Deutschland werden ihn nicht einfach kopieren können. Wer hier weniger Alkohol will, braucht beides: eine Politik, die Alkohol nicht mehr zum Spottpreis rund um die Uhr verfügbar macht, und einen gesellschaftlichen Wandel, der Nüchternheit nicht länger als Spaßverweigerung abstempelt.

Und falls dir, wenn du das nächste Mal einen Einladung auf einen Drink ablehnst  jemand mit dem Kulturargument kommt: Die Italiener haben zwei Drittel ihres Alkohols eingespart – und sind immer noch Italiener. Mein Mann übrigens auch.



Quellen

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Jahrbuch Sucht 2026, 44.000 Todesfälle, Preise,

Basisinfo Alkohol

Bundesgesundheitsministerium: Alkohol

Statistisches Bundesamt: Krankenhausbehandlungen und Todesfälle 2024

Sucht Schweiz: Alkoholkonsum

BAG: Alkoholkonsum in der Schweiz

BFS: Schweizerische Gesundheitsbefragung 1992–2022

BAG: Alkoholbedingte Todesfälle 2017

Bopp & Gmel (1999): Alkoholkonsum in der Schweiz nach Geschlecht

History of alcohol consumption and cancer burden in Italy

Istituto Superiore di Sanità: Alkohol in Italien

Allamani et al.: Contextual determinants of alcohol consumption changes

Beccaria & Rolando: Mediterranean drinking culture

The Stigma of Alcohol Use Among Young Women in a Mediterranean Drinking Culture