Glühwein: Macht er schneller betrunken? Mythen und Fakten
Ein Bummel über den Weihnachtsmarkt ...
In der Adventszeit erstrahlt Zürich im festlichen Lichterglanz. Die Weihnachtsmärkte laden zum Flanieren ein, und der Duft von heissen Marroni, gebrannten Mandeln und Glühwein steigt einem in die Nase. Ich liebe die Vorweihnachtszeit! Besonders beim Duft von Glühwein geht mir das Herz auf.
Dabei trinke ich ihn gar nicht so gern. Der Duft verspricht würzige Gaumenfreuden, der Geschmack holt mich dann meist auf den Boden der Tatsachen zurück: viel zu babbig süss.¹ Ich mag Wein lieber ohne Zucker. Langsam geniessen kann man ihn auch nicht, denn ist er einmal kalt, schmeckt er erst recht nicht mehr. Ein Schuss Rum verspricht Abhilfe, aber dann bin ich schon nach einer Tasse blau. Also belasse ich es meistens bei der olfaktorischen Verführung und biege direkt zum Marronistand ab.
Glühwein – wer hat’s erfunden?
Schon die alten Römer tranken gewürzten Wein, allerdings vor allem kalt. Im Mittelalter wurde Wein häufig mit Honig und Gewürzen versetzt, um ihn haltbarer zu machen. Ausserdem war die Qualität damals oft so schlecht, dass man die saure Plörre anders kaum geniessen konnte. Eines der ersten überlieferten Glühweinrezepte stammt aus Sachsen: Der Raugraf von Wackerbarth notierte es im 19. Jahrhundert in einer Sammlung von Weinrezepten. Etwa zur gleichen Zeit wurde am schwedischen Königshof Glögg ausgeschenkt, die skandinavische Variante. Den Glühwein, wie wir ihn heute vom Weihnachtsmarkt kennen, erfand wohl der Augsburger Winzer Rudolf Kunzmann: 1956 füllte er als Erster Rotwein mit Zucker und Gewürzen fertig ab. Weil es damals ein Gesetz gegen das Zuckern von Wein gab, brachte ihm seine bahnbrechende Idee prompt einen Bussgeldbescheid ein.
Wie viel Alkohol steckt in einem Becher?
Mehr, als viele denken. Ein Becher auf dem Weihnachtsmarkt fasst meist 2 bis 2,5 dl, also deutlich mehr als ein Glas Wein im Restaurant. Glühwein hat je nach Sorte einen Alkoholgehalt von etwa 7 bis 10 Volumenprozent. In einem Becher stecken damit rund 15 bis 20 Gramm reiner Alkohol, das entspricht etwa anderthalb bis zwei Standardgläsern. Mit einem Schuss Rum oder Amaretto kommt noch einmal ein ganzes Standardglas dazu.
Für Frauen heisst das: Schon ein einziger Becher liegt über der Menge, die für einen risikoarmen Konsum pro Tag empfohlen wird. Mehr zu den Grenzwerten findest du in meinem Beitrag zum risikoarmen Konsum. Und warum Frauen Alkohol schlechter vertragen, erkläre ich in Alkohol, der Sexist.
Macht Glühwein schneller betrunken als kalter Wein?
Diese Frage wurde mir in einem Interview mit dem Blick gestellt. Vieles spricht dafür: Die Wärme regt die Durchblutung im Magen-Darm-Trakt an, der Alkohol gelangt womöglich schneller ins Blut. Gut untersucht ist dieser Effekt allerdings nicht.
Viel wichtiger sind andere Faktoren: Glühwein wird oft schnell getrunken, bevor er kalt wird. Man steht mit leerem Magen in der Kälte, weil man das Znacht auf später verschiebt. Der Becher ist grösser als ein Weinglas. Und dann kommt noch der Schuss dazu. All das lässt den Alkoholspiegel rasch ansteigen.
Wärmt Glühwein von innen?
Wenn wir bei Minusgraden auf dem Weihnachtsmarkt frieren, scheint eine Tasse Glühwein genau das Richtige zu sein. Und tatsächlich breitet sich zunächst ein wohliges Wärmegefühl aus. Doch das täuscht. Alkohol erweitert die Blutgefässe in der Haut, man sieht es an den roten Wangen und der roten Nase. Über die erweiterten Gefässe gibt der Körper Wärme nach aussen ab, und die Körpertemperatur sinkt. Kurz darauf frieren wir umso mehr.
Das kann gefährlich werden: Wer nach mehreren Bechern in der Kälte unterwegs ist, unterschätzt leicht, wie stark er auskühlt. Die Gefahr einer Unterkühlung steigt, gerade auf dem Heimweg.
Ist Glühwein krebserregend?
Wird Glühwein zu stark erhitzt, entsteht aus dem Zucker Hydroxymethylfurfural (HMF). Diese Verbindung steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Eindeutige Beweise dafür gibt es bisher nicht, und da Glühwein normalerweise nicht gekocht wird – der Alkohol soll ja nicht verdampfen –, spielt das wohl nur eine untergeordnete Rolle.
Der eigentliche Schuldige ist ein anderer: der Alkohol selbst. Beim Abbau im Körper entsteht Acetaldehyd, und das ist eindeutig krebserregend. Das gilt für jedes alkoholische Getränk, ob kalt oder warm. Mehr dazu in Alkohol und Brustkrebs. Glühwein ist also ein reines Genussmittel und kein Heilmittel gegen Erkältungen, auch wenn Oma das vielleicht anders gesehen hat.
Und am nächsten Morgen?
Die Kombination aus viel Zucker, Rotwein und Hochprozentigem ist eine ziemlich zuverlässige Formel für einen heftigen Kater. Dunkle Getränke enthalten mehr Begleitstoffe, die Katersymptome verstärken können. Was im Körper passiert und was dann hilft, liest du in Katerstimmung und Katzenjammer.
Die Alternative: alkoholfreier Glühwein
Die gute Nachricht: Den Duft und das wärmende Ritual kannst du auch ohne Alkohol haben. Auf den meisten Weihnachtsmärkten gibt es inzwischen alkoholfreien Punsch oder Kinderpunsch, und auch zu Hause ist ein alkoholfreier Glühwein schnell gemacht:
Mein Rezept für alkoholfreien Glühwein:
- 5 dl roten Traubensaft,
- 2,5 dl kräftigen Früchte- oder Hagebuttentee,
- den Saft einer Orange,
- 1 Zimtstange, 3 Nelken,
- 1 Sternanis und
- ein paar Scheiben frischen Ingwer
in einem Topf langsam erwärmen, nicht kochen. 15 Minuten ziehen lassen und nach Geschmack mit etwas Zitronensaft abschmecken. Wer es herber mag, ersetzt einen Teil des Traubensafts durch Tee.
Weitere Ideen für die kalte Jahreszeit findest du bei meinen alkoholfreien Rezepten und im Beitrag Weihnachten ohne Alkohol.
Fassen wir zusammen
Glühwein duftet herrlich und gehört für viele einfach zur Adventszeit. Aber er hat es in sich: Ein Becher enthält mehr Alkohol, als man denkt, er wärmt nur scheinbar, und mit Schuss und leerem Magen steigt der Pegel schnell. Mein Rat, besonders an Frauen: Wenn Glühwein, dann bei einem Becher bleiben, vorher etwas essen und dann zum Punsch wechseln. Oder direkt zum Marronistand abbiegen.
¹ Es gibt natürlich Qualitätsunterschiede. Auf dem [Weihnachtsmarkt am Münsterhof](https://www.zuerich.com/de/besuchen/shopping/weihnachtsmarkt-muensterhof), einem der schönsten Weihnachtsmärkte in Zürich, habe ich auch schon einen sehr feinen Glühwein getrunken.
