Regina Esser • 25. Oktober 2026

Wenn Alkohol verbindet - und Nüchternheit trennt

Anna hat alles richtig gemacht

In meiner Sprechstunde gibt es Frauen, bei denen ich schon nach dem ersten Gespräch ein richtig gutes Gefühl habe. Man spürt: Das wird gut. Die Weichen sind gestellt, die Therapie gibt nur noch den letzten Anstoss in die richtige Richtung.

Kürzlich sass wieder so eine Frau vor mir. Nennen wir sie Anna. Anna hatte ein Alkoholproblem. Beruflicher Stress und eine ausgeprägte Feiermentalität hatten dazu geführt, dass sie die Kontrolle über ihr Trinken nach und nach verloren hatte. Doch sie hatte das Problem längst erkannt. Schon im ersten Gespräch war sie selbstreflektiert und hoch motiviert, etwas zu ändern.

Und so kam es auch. Wir vereinbarten einen zweiten Termin, dazwischen fuhr sie mit einer Freundin in die Ferien. Als wir uns wiedersahen, trank sie bereits seit mehreren Wochen keinen Alkohol mehr. Sie trieb viel Sport, pflegte wieder ihre Hobbys und fühlte sich körperlich wie psychisch sehr wohl. Verlangen nach Alkohol verspürte sie keines.

Doch an einem bestimmten Punkt im Gespräch verdunkelte sich ihr Blick. Eine Sache machte ihr zu schaffen: Im Freundeskreis fühlte sie sich zunehmend isoliert.

Anna ist keine Einzelgängerin. Sie ist in einer kinderreichen Familie aufgewachsen, andere Menschen sind ihr wichtig. Gerade weil sie derzeit in keiner festen Partnerschaft lebt, hat sie ein grosses Bedürfnis nach Austausch und gemeinsamen Unternehmungen – nur eben ohne den Begleiter Alkohol. Genau hier liegt das Problem. Seit sie nicht mehr trinkt, merkt sie, wie gross der Einfluss des Alkohols auf ihre Freundschaften war.

Regelmässig ging sie mit ihren Freundinnen feiern, und einmal im Jahr mieteten sie gemeinsam eine Ferienwohnung in Italien für eine verrückte Mädelswoche. Auch dort ging es immer feuchtfröhlich zu. Verständlich, dass Anna sich für solche Anlässe im Moment nicht bereit fühlt. Was sollte sie dort auch? Nüchtern bleiben, während alle anderen betrunken sind? Wie lustig soll das sein?

An der Oberfläche zeigen ihre Freundinnen viel Verständnis. Anna geht offen mit ihrem Alkoholproblem um, ihre beste Freundin ist eingeweiht. Niemand kritisiert, dass sie nicht mehr trinkt. Alle sagen ihr Unterstützung zu: «Aber sicher, wir sind für dich da. Melde dich einfach, wir unternehmen etwas Schönes zusammen.»

Schlägt Anna dann aber vor, sich statt bei Prosecco und Häppchen bei Kaffee und Kuchen zu treffen, lautet die Antwort meist: «Oh, da kann ich leider nicht. Gerne an einem anderen Tag, ich melde mich.» Doch es meldet sich niemand. Nach der dritten Absage mag Anna nicht mehr nachfragen. Und sie fragt sich: Was bleibt von einer Freundschaft übrig, wenn der Alkohol als verbindendes Element wegfällt?


Warum Alkohol so gut «verbindet»

Man muss es zugeben: Als Gesellschaftskleber funktioniert Alkohol erstaunlich zuverlässig. Er senkt Hemmungen, lockert die Zunge und gibt allen am Tisch dasselbe Ritual. Anstossen heisst: Wir gehören zusammen. Wer mittrinkt, signalisiert Vertrauen. Wer «noch eins?» fragt, meint oft eigentlich: «Bleib noch.»

In Studien mit jungen Erwachsenen beschreiben Teilnehmende Alkohol als eine Art Türöffner oder Schmiermittel für soziale Kontakte (Frontiers in Psychology 2021). Bei Erwachsenen ist es nicht anders, nur eleganter verpackt: als Apéro, als «Weinabend unter Frauen», als Feierabendbier mit dem Team.

Das Problem ist nicht, dass Menschen gern zusammen sind. Das Problem ist, dass wir verlernt haben, ohne die Droge zusammen zu sein. Und dass wir es meistens nicht einmal merken – bis jemand am Tisch nicht mehr mitmacht.


Der Spiegel am Tisch

Wer nicht trinkt, muss sich erklären. Wer trinkt, nie. Hast du schon einmal gehört, dass jemand gefragt wurde: «Warum trinkst du eigentlich Wein?»

Die Forschung hat dafür inzwischen einen eigenen Zweig. Der britische Psychologe Dominic Conroy und sein Kollege Richard de Visser haben über Jahre untersucht, wie Nichttrinkende wahrgenommen werden. Ein wiederkehrender Befund: Nicht zu trinken gilt als etwas Seltsames, das eine Begründung braucht (BPS Research Digest). Nichttrinkende erleben, dass sie ständig beobachtet werden. Manche erfinden lieber eine Ausrede wie Antibiotika, statt offen zu sagen, dass sie nicht trinken (Conroy & de Visser, Univ. Sussex).

Eine Studie, die nur Frauen befragt hat, fand drei Themen, die Anna sofort unterschreiben würde: das Gefühl, nicht dazuzugehören; Ausschluss, weil Gelegenheiten zum Zusammensein fehlen; und Druck sowie Etikettierung durch andere (Jacobs, Conroy & Parke 2018).

Warum reagieren andere so? Eine mögliche Erklärung: Die Nüchterne am Tisch hält den anderen einen Spiegel hin. Plötzlich wird sichtbar, wie viel getrunken wird – und dass es auch anders ginge. Das ist unbequem. Bevor man über das eigene Glas nachdenkt, ist es einfacher, die Person ohne Glas ein bisschen merkwürdig zu finden.

Dahinter steckt mehr als die Unsicherheit Einzelner. Alkohol ist wohl die einzige Droge, bei der nicht der Konsum begründet werden muss, sondern der Verzicht. Wir haben ihn so gründlich normalisiert, dass wir die Abweichung bei der suchen, die aufhört – und nicht beim Glas selbst.


Zugehörigkeit ist kein Luxus, sondern Medizin

Das klingt nach einem sozialen Randthema. Medizinisch ist es das nicht. Wer sich ausgeschlossen fühlt, hat ein höheres Rückfallrisiko.

Die Suchtforschung beschreibt Genesung zunehmend als Wechsel der sozialen Identität. Das sogenannte Social Identity Model of Recovery (SIMOR) von David Best und Kolleg:innen geht davon aus, dass sich die Identität nicht nur im Kopf verändert, sondern über neue Gruppen, Beziehungen und sinnvolle Aktivitäten (Best et al. 2016). Man wird nicht allein nüchtern, sondern mit anderen.


Einige Befunde dazu:

  • Langfristig sagte vor allem Unterstützung für die Abstinenz voraus, ob jemand abstinent blieb – allgemeine soziale Unterstützung allein reichte nicht (Best et al., SIMOR-Manuskript).
  • Bei 158 Frauen mit Alkoholproblemen hatten jene mit mehr «Trink-Unterstützung» im Umfeld am Behandlungsende weniger Motivation zur Abstinenz und tranken danach häufiger (PubMed 20946752).
  • Bei abstinenten Menschen kann soziale Ausgrenzung zum Rückfall beitragen (Übersicht, PMC5800591).
  • In norwegischen Interviews beschrieben Patient:innen Einsamkeit als Preis, den sie für die Abstinenz zahlen – und gleichzeitig als Schmerz, den sie früher mit Alkohol betäubt haben (SERAF, Univ. Oslo).

Das ist die bittere Ironie: Gerade wenn jemand den gesündesten Schritt seines Lebens macht, zieht sich das Umfeld zurück. Nicht aus Bosheit, meistens aus Unsicherheit. Aber die Wirkung ist dieselbe.


Du darfst trauern

Wenn du aufgehört hast zu trinken und dich trotzdem traurig fühlst, ist das kein Rückschritt. Du verlierst etwas: ein Ritual, eine Rolle, vielleicht ein Stück der alten Clique. Das darf wehtun.

Viele Frauen in meiner Sprechstunde schämen sich für dieses Gefühl. Sie denken, wer wirklich aufhören will, dürfe das Alte nicht vermissen. Das stimmt nicht. Du kannst froh sein, dass du nicht mehr trinkst, und gleichzeitig traurig, dass der Freitagabend nicht mehr so ist wie früher. Beides darf nebeneinander stehen.

Was hilft, ist ein freundlicher Blick auf dich selbst statt Durchbeissen. (Mehr dazu findest du in folgendem Artikel.) 


Was dir hilft

Du musst nicht zwischen «allein zu Hause» und «tapfer mit Mineralwasser in der Weinbar» wählen. Es gibt Zwischenwege.

  • Sag, was du dir wünschst. Freundinnen können keine Gedanken lesen. Ein Satz wie «Mir würde es helfen, wenn ihr mal fragt, wie es mir damit geht» öffnet oft mehr als stilles Warten.
  • Gestalte mit, statt abzusagen. Schlag selbst vor: Brunch statt Apéro, Spaziergang statt Weinabend, Kino, Sauna, gemeinsam kochen.
  • Bring dein eigenes Getränk mit. Ein gutes alkoholfreies Getränk im schönen Glas nimmt vielen Situationen die Schärfe. Du brauchst keine Erklärung, nur etwas in der Hand.
  • Plane den Ausstieg. Geh zu Anlässen mit eigenem Heimweg und gib dir die Erlaubnis, zu gehen, wenn die Stimmung kippt. Nach dem dritten Glas wird es für Nüchterne selten spannender.
  • Such dir Menschen, die auch nüchtern leben. Die Forschung zeigt: Schon ein paar abstinente Kontakte im Umfeld stärken die Genesung. Das können Selbsthilfegruppen, Online-Gruppen oder einfach Bekannte sein, die wenig oder nicht trinken. (OAMN, Forum Alkohol Adé)
  • Prüfe die Freundschaften ehrlich. Manche Beziehungen bestanden vor allem aus dem gemeinsamen Glas. Das herauszufinden tut weh, schafft aber Platz für Menschen, die dich wirklich meinen.


Und du musst das nicht allein schaffen. In der Schweiz gibt es Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, die genau diese Phase kennen. (z.B. Blaues Kreuz Zürich)


Für Freundinnen und Freunde

Dieser Teil ist für alle, die eine Anna im Freundeskreis haben. Du musst nicht aufhören zu trinken, um eine gute Freundin zu sein. Aber ein paar Dinge machen einen grossen Unterschied.


Das tut gut

  • Fragen: «Wie geht es dir damit?» – und zuhören
  • Treffen vorschlagen, bei denen Alkohol nicht im Mittelpunkt steht
  • Ein gutes alkoholfreies Getränk bereitstellen (Inspirationen findest du z.B hier)
  • Die Entscheidung einfach akzeptieren
  • Anerkennen, was sie geschafft hat
  • Auch mal selbst auf Alkohol verzichten, wenn ihr euch trefft

 

Das tut weh

  • Schweigen, als wäre nichts passiert
  • Nur noch zu Weinabenden einladen – oder gar nicht mehr
  • «Ein Glas wird dir doch nicht schaden»
  • Nachbohren, warum, und ob es «so schlimm» war
  • «Du bist jetzt aber langweilig geworden»
  • Witze über «die Abstinenzlerin»

   
Verbindung ohne Promille

Was bleibt von einer Freundschaft übrig, wenn der Alkohol wegfällt? Annas Frage ist berechtigt. Manchmal bleibt weniger, als man gehofft hat. Eine Verbindung, die zerbricht, sobald eine aufhört zu trinken, war vielleicht nie so stark, wie sie sich angefühlt hat.

Oft bleibt aber mehr, als man denkt – wenn jemand den ersten Schritt macht. Anna braucht keine Bewunderung und keine Schonung. Sie braucht Menschen, die fragen, zuhören und mit ihr einen neuen Platz am Tisch finden. Echte Zugehörigkeit hält es aus, wenn eine im Glas nur Wasser hat.

Und wenn du gerade selbst Anna bist: Du bist nicht falsch. Du bist nur die Erste am Tisch, die gemerkt hat, dass es auch anders geht. Und  manchmal braucht es nur ein gutes Beispiel, damit die anderen folgen können.